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Trauerkultur?

Zwei Arbeitstage frei ... ?

Ich habe heute noch länger über ‚In Österreich bekommst du beim Tod deines Kindes zwei Arbeitstage frei‘ als Frage/Beitrag von der Bestattung Lichtblick nachgedacht.

Auch, weil ich gerade einige Bücher lese, die sich dem Thema Tod widmen. (zB Es lebe der Tod – da ist einer der Autoren Dr. Rudolf Likar, den ich sehr schätze) – wir haben einfach keine Trauerkultur.

Keine Sterbekultur und keine Todeskultur (Totenkult als Wort gefällt mir nicht).

Ich kann jetzt nur für uns als Familie sprechen, wo ich es miterlebt habe, wie es uns mit dem Tod von Sebastian und der Zeit danach bis jetzt gegangen ist. Ich konnte mich durch meine selbstständige Tätigkeit recht gut freischaufeln, und konnte mir auch die Freiheit nehmen, zu arbeiten, wenn es mir half.

Emil, mein größerer Sohn, ist Elektriker und arbeitet auch manchmal in gefährlichen Bereichen – da ist es wichtig, dass du fit und aufmerksam bist, um zu arbeiten. Emil und Daniel haben sich, abgesprochen mit ihren Firmen, Krankenstand genommen – aber das müsste doch gar nicht sein, hätten wir einen offenen Umgang mit Sterben, Tod und Trauer.

Natürlich muss eine Firma planen können – aber an manchen Tagen ist die Trauer nicht so elementar, da geht’s gut – und dann wieder nicht. In solch einem Fall – Verlust des Sohnes und Bruders (Bonussohn, Stiefbruder), mit dem man 25 bzw 27 Jahre intensiv verbracht hat, ist die Trauer ja auch nach 14 Tagen nicht aus – wenn wir hier eine Rede/Kommunikationskultur (also noch eine Kultur, die fehlt) hätten, könnten wir uns ganz anders in den Arbeitsablauf einbringen.

Ich habe jetzt noch immer mentale ‚Blackouts‘ – so, als würde mich Sebis Todesenergie zur Stille zwingen, zum Innehalten – keine gedanklichen Blubberblasen. Da kann ich ganz oft nicht arbeiten, weil vieles bei meiner Arbeit an diesen ‚Blubberblasen‘ hängt. Und da sind wir dann natürlich gleich wieder beim Thema – was ist wichtig und was nicht. Wäre jedem die Essenz des Lebens präsent, müssten wir auch nicht irgendwelche Jobs machen und irgendwelche Stunden absitzen.

Oft habe ich den Eindruck, dass aus einer Frage mindestens 10 Antworten werden und daraus ergeben sich dann wiederum 50 Fragen und daraus dann wieder 100 Antworten – es ist so viel! Was ist das Leben? Ich stehe jeden Tag auf, zuerst muss ich mich noch daran erinnern, dass Sebi tot ist, dann frühstücke ich, koche meinen Tee, gehe ins Bad für die Morgenpflege (das hatten Sebi und ich gemeinsam – gemütliche Morgenpflege), lese meine Liste an offenen Aufgaben durch und … schweife immer wieder ab in die Fragen des Lebens.

Was ist mein Sinn hier? Wo werde ich gebraucht? Was hat das alles mit mir zu tun? Was ist das Sein, wo ist die Grenze, wo der Übergang. Was macht mich aus? In meinem Umfeld vermeiden viele Menschen die Frage ‚Wie geht es Dir?‘ weil sie meine Antwort nicht hören möchten. Zu nah, zu persönlich, zu verschreckend.

Was es braucht, ist Haltung.

Der Tod betrifft uns alle

Das Entscheidende wird oft vergessen: Der Tod ist kein Ausnahmezustand, der nur andere betrifft.

Wir gehen diesen Weg alle. Entweder als Angehörige – sicher aber als Sterbende.

Der Tod des eigenen Kindes. Für viele ein Schreckgespenst, für mich/uns unfassbare Realität.

Daniel hat unsere derzeitige Situation so beschrieben: Wir leben in zwei Welten. In unserer bewussten Welt ist SEBI tot. In unserer unbewussten Welt ist SEBI am Leben.

*Fragen über Fragen* – Alles wie immer, nichts mehr wie es war. (Ursula Leutgöb)

© Michaela Schmitz 2025-05-06

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Du trauerst immer noch?

Viele Menschen gehen davon aus, dass die Trauer einen fixen Anfang und auch ein fixes Ende hat. Ein Jahr wird Trauernden meist 'zugesprochen' - aber 'danach' möge man bitte wieder 'so sein wie immer'.

Dabei wird vergessen: es ist für den trauernden Menschen nichts mehr 'wie immer'. Die eigene Wahrnehmung wird in 'vor dem Tod des geliebten Menschen' und 'nach dem Tod des geliebten Menschen' eingeteilt. Kein Stein bleibt auf dem anderen, der Alltag ändert sich komplett, alle gemeinsamen Abläufe und Rituale sind auf einmal Vergangenheit.

Ja, weil mein Sohn ist immer noch tot.

Das Unfassbare ist eingetreten. Der geliebte Mensch ist auf einmal weg. Das Leben muss ab jetzt ohne ihn/ihr gelebt werden. 

Erinnerungen bleiben. Sie sind ein wichtiger Anker im Trauerprozess. Über den/die Verstorbene/n zu reden ermöglicht uns Trauernden, weiter zu verarbeiten. Den Verlust zu integrieren und zu akzeptieren.

'Oh, du sprichst über einen Toten.' Nein, ich spreche über meinen Sohn.

Das macht für mich einen Unterschied. Mein Sohn ist kein Toter. Mein Sohn heißt Sebastian, ist 27 Jahre alt geworden und dann gestorben.

Ich merke es in Gesprächen, wenn ich Sebastian erwähne (weil es grad zum Kontext passt) wie die Menschen kurz stocken. Bei wenigen Menschen geht die Konversation flüssig weiter.

Was läßt mein Gegenüber ins Stocken bringen? Weil ich von meinem Sohn spreche, der tot ist? Ich werde wohl einmal nachfragen müssen.

*Fragen über Fragen* – Alles wie immer, nichts mehr wie es war. (Ursula Leutgöb)

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16.08.2026 • aktualisiert am 21.08.2026