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Meine Mutter Anita

Meine Mutter, Anita Hörschläger, geborene Schreckenstein, ist am Mi, 13.11.1985 um 18:00 in Folge ihres Lungenkrebs an Lungenversagen bei uns zu Hause in Breitenfurt, Niederösterreich, gestorben. Es gab an diesem Tag den ersten Schnee des Jahres und darüber hatte sie sich ganz besonders gefreut - noch einmal Schnee zu sehen!

Wie es zu ihrer Erkrankung kam, was mich besonders bewegt hat, wie sehr mich dieses Erlebnis begprägt hat und wie sehr es mich noch heute mit viel Demut erfüllt, könnt ihr in dem darunterstehenden Text lesen.

Mir ist übrigens aufgefallen, dass es von meiner Mutter und mir keine digitalen Fotos gibt - ich habe jetzt mal eines eingescannt. Dieses stammt aus dem Jahr 1984, also ziemlich genau ein Jahr vor ihrem Tod 1985. Meine Mutter starb im Alter von 55 Jahren.

Meine Söhne Emil (1995), Sebastian (1997-2024) und Daniel (1999) haben meine Mutter (ihre Oma) nie kennengelernt. Deshalb war auch die zweite Frau meines Vaters, Elisabeth, die Oma für sie - unsere Elisabeth-Oma. 

Anita Hörschläger im Herbst 1984

Noch ein Jahr zu leben

Der Anfang vom Ende – Dezember 1984

Ich wollte unbedingt mit meinem Freund ins Kino. Es war vor Weihnachten und ich freute mich auf den Film. Meine Mutter war schon seit Tagen krank, hatte immer wieder Fieber und starken Husten. Mein Vater war verärgert – vor dem Weihnachtsgeschäft konnte man einfach nicht krank werden. Und wahrscheinlich war das Rauchen schuld – er meinte, meine Mutter sollte endlich zu rauchen aufhören. Sie hatte seit vielen Jahren (immer wieder) Krebs. Meine Mutter liebte ihre Zigaretten und den Kaffee dazu über alles. So gab es immer wieder Ärger. Mein Vater war selber einmal starker Raucher, als er sich als Drogist in Wien 23 selbstständig machte, gab er das Rauchen auf. Meine Mutter nicht. Mein Vater wurde zum militanten Nichtraucher, meine Mutter rauchte mit Leidenschaft und wahrscheinlich aus Protest weiter. So war der regelmäßige Streit darüber vorprogrammiert. Meine Mutter versuchte des Öfteren, mit dem Rauchen aufzuhören – manchmal rauchte sie dann auch heimlich – schnell beim offenen Fenster raus …

Meine Mutter hustete und hustete – sie ging ins Badezimmer, weil sie glaubte, sich übergeben zu müssen – und spuckte jede Menge Blut in die Badewanne. Sie meinte: ‚Oh, da hab‘ ich meine Lunge jetzt wohl mit dem Husten überanstrengt? Vielleicht sollten wir einmal ein Röntgenbild machen lassen. Was meinst Du, Michaela?‘ Ich sah das Blut in der Badewanne, ich sah ihren Gesichtsausdruck. Es lag offensichtlich auf der Hand. Und ich sagte trotzdem: ‚Ja, wahrscheinlich hast Du einen ganz besonders hartnäckigen Husten. Aber ein Röntgenbild schadet ja nie. Wir machen einen Termin aus.‘ Ich ging zum Auto meines Freundes und stieg ein. Wir fuhren ins Kino nach Wien. Der Blick meiner Mutter verfolgte mich. In Wien angekommen, parkten wir in Hietzing. Ich ging über die Kennedybrücke. Die Sonne stand tief, der Wienfluß war unter mir. Ich sah in die Abendsonne und wusste – das war der Anfang vom Ende. Meine Mutter würde mich brauchen. Für die letzten Tage ihres Lebens. Es war für mich glasklar, es gab keine Fluchtmöglichkeit, keinen Ausweg. Der Krebs hatte die Lunge erreicht und somit die Führung übernommen. In den wenigen Minuten auf dieser Brücke war die Zukunft präsent und es gab kein Entrinnen, sondern nur die bewusste, unausweichliche Entscheidung, für meine Mutter in ihrer letzten Lebensphase uneingeschränkt und nach Maßgabe meiner Möglichkeiten da zu sein. Es gab einen bewussten, aber nicht frei gewählten Auftrag für mich – es mit ihr gemeinsam durchzustehen. Es war fast so, als hätte ich vom Ergebnis des Röntgens gewusst. Meine Mutter hatte mich geschickt – ich sollte den Befund abholen. Ich las ihn im Auto. Diagnose: Lungenkarzinom.

Meine Mutter starb am 13.11.1985 mit 55 Jahren. Todesursache: Lungenversagen durch Lungenkrebs

© Michaela Schmitz, veröffentlicht am 2020-05-21

Die von Leid geprägten Jahre davor

Als ich ca. 10 Jahre alt war, erfuhr meine Mutter, damals 45 Jahre, dass sie Krebs hatte. Ich kann mich noch genau an diese Zeit, diese Stimmung, diesen alles Weitere bestimmenden Tag erinnern. Wir waren in unserem Sommerhaus in der Atzgersdorfer Straße. Meine Eltern wollte fortfahren und erklärten mir, dass ich für ca. 3-4 Stunden alleine bleiben musste, sie kämen sicher wieder, aber sie hatten einen wichtigen Termin. Ich wollte meine Mutter nicht gehen lassen, ich fragte sie, ob sie nicht lieber bei mir zu Hause bleiben könnte oder ob sie den Termin nicht einfach verschieben könnte – so, also ob man sein Schicksal verschieben könnte.

Ich ahnte etwas, konnte es aber nicht benennen. Meine Eltern fuhren weg und ich blieb alleine und verzweifelt zurück. Ich kann mich noch heute an meine Angst damals erinnern. An meine Angst, dass etwas mir unbegreifliches geschehen könnte. Meine Eltern kamen nach der vereinbarten Zeit wieder nach Hause – glücklicherweise musste ich nicht länger warten, die Zeit schien schon so kaum zu vergehen. Meine Mutter eröffnete mir, dass sie die Diagnose Brustkrebs erhalten habe und nun eine Operation bevor stünde. Wenn alles gut ging, würde sie ein paar Tage im Spital sein und danach wäre alles wieder wie vorher. Und so war es auch fast – meiner Mutter wurde eine Brust amputiert, sie wurde nicht nachbehandelt, musste aber zur Kontrolle.

Im Winter ereilte uns die Diagnose Lymphdrüsenkrebs. Und mit dem Lymphdrüsenkrebs zog die Chemotherapie bei uns ein. Meiner Mutter war die Therapie ins Gesicht geschrieben – ich erkannte sie kaum wieder. Jahrelang begleiteten uns unterschiedliche Zyklen der Chemo. Ambulant im Sommer – ich begleitete meine Mutter mit den Öffis ins Spital, dann gab es immer Speckstangerl. Und bei der Heimfahrt nach der Chemo hofften wir, dass der Bus nicht so viel schaukelte und sich meine Mutter nicht übergeben musste. Haarausfall, Übelkeit, Fieberschübe, Schmerzen in allen Knochen – die Jahre waren geprägt von Aufs und Abs.

Immer wieder kehrte der Krebs zurück, immer wieder wurde die Chemo ausgepackt und verabreicht, immer wieder verlor meine Mutter ihre Haare, musste sie kotzen bis zum Umfallen. Ich musste Rücksicht nehmen, durfte meinen Eltern nicht auf den Nerv gehen und sollte mich möglichst gut und unauffällig benehmen. Ich tat mein bestes – ich wollte meine Mutter in keinem Fall verlieren. Alle müssen sterben – meine Mutter nicht!

All meine (jugendlichen) Sorgen verpackte ich brav in mir, versuchte mich selbst gut durchzubringen und hoffte auf ein befreites Leben ‚danach‘ – wann immer dieses ‚danach‘ stattfinden würde. Rückblickend betrachtet kann ich, nun selber Mutter von drei Söhnen, sehr gut nachvollziehen, dass es ganz viel Kraft braucht, bei einer schweren Erkrankung auch voll und ganz Eltern sein zu können. Wenn man dem Tod ins Auge blickt, ändern sich die Perspektiven.

© Michaela Schmitz, veröffentlicht 2020-06-13

Die Selbstständigkeit und der Krebs

Der Wunsch meines Vaters war es immer, sich selbstständig zu machen. Er war konzessionierter Drogist, hatte aber immer als Angestellter gearbeitet. Meine Eltern hatten viele Jahre gespart und so konnte sich mein Vater, spät aber doch, mit 45 Jahren seinen Lebenstraum erfüllen – er eröffnete eine Drogerie in Wien 23. Ich kann mich noch ganz genau an die Abläufe davor erinnern. Kaufvertrag, Übernahme, das Geschäft neu ausmalen, neues Schild, Werbematerial, Arbeitsmäntel … alles neu für mich.

Meine Mutter arbeitete halbtags als Sekretärin in einer Firma in der Nähe und die restliche Zeit des Tages verbrachte sie bei meinem Vater im neuen Geschäft. Ich war ab meinem 10. Lebensjahr auf mich allein gestellt und fand das eigentlich sehr angenehm. Endlich mal niemand um mich herum! Die Drogerie war ein sehr gut etabliertes Geschäft in Atzgersdorf und so lief der Laden von Anfang an bestens. Mein Vater nahm Lehrlinge auf und wir hatten auch immer wieder Teilzeit-Angestellte. Meine Eltern hatten all ihr Geld (und noch mehr) in diesen Traum meines Vaters, in das Geschäft, in die Selbstständigkeit gesteckt – und dann kam die Nachricht, dass meine Mutter Krebs hatte. Dass sie eine Operation brauchte und niemand genau sagen könne, wie es danach weiter ging. Mein Vater verfolgte sein Ziel beharrlich – trotz der schwierigen Zeiten. Die Selbstständigkeit, das eigene Geschäft, das Unternehmertum wurden nie infrage gestellt.

Meine Eltern arbeiteten rund um die Uhr für die Drogerie, Urlaub gab es wenig, ebenso wenig Freizeit – aber es war nie Thema, das wieder zu ändern.

Ich selber habe einige Krisen hinter mir. Und ich habe mich in einer für mich sehr schwierigen Lebensphase selbstständig gemacht – weil ich einfach wusste, dass ich das Geld, welches ich zum Erhalt der Familie benötigte, nur als Selbstständige verdienen konnte. Ich machte mich in einer meiner belastendsten Lebensphase selbstständig und habe dies nie hinterfragt – ich habe es getan und es war richtig. Ausschlaggebend war sicherlich die Erfahrung damals in meiner Kindheit.

Meine Eltern kannte das Risiko, meine Mutter hatte Krebs und hatte immer wieder Operationen, musste zur Chemotherapie, hatte schlechte Phasen, konnte im Betrieb nicht mithelfen – aber es war klar – der eigene Betrieb, das eigene Geschäft wurde nicht infrage gestellt. Ganz im Gegenteil – mein Vater machte noch ein zweites Geschäft, einen Filialbetrieb in Liesing auf. Was für in Glück für mich. Ich führte (als Lehrling) das Geschäft mit meiner Mutter und kaufte diesen Laden nach dem Tod meiner Mutter (und nach meiner eigenen Konzessionsprüfung zur Drogistin) meinem Vater ab und machte 1987 einen Naturkostladen daraus.

Heute kann ich sagen: Ich fühle mich als Selbstständige sicher, viel sicherer, als wenn ich ein Angestelltendasein führen müsste. Ich weiß, ich kann meine Zukunft selbst gestalten.

© Michaela Schmitz, veröffentlicht 2020-06-21

Gespräch mit meiner Mutter

Ich saß am Bett meiner Mutter. Ich fragte sie, wie es ihr heute ginge. Sie antwortete: ‚So, wie immer – ich warte auf den Tod‘. Und so wie immer plauderten wir über ihr Leben, das sie gelebt hatte. ‚Erzähl‘ mir was aus deiner Kindheit bitte‘ sagte ich.

‚Willst du das wirklich wissen?‘ fragte sie. ‚Ja!‘ sagte ich. ‚Ich erinnere mich an einen Vormittag, wo wir SchülerInnen der Volksschule bei der Fleischhauerei in Geras vorbeigehen mussten – im Gänsemarsch. In der Auslage hingen die Juden – aufgeknöpft. Und ich erinnere mich an einen anderen Vormittag, wo wir ebenfalls wieder bei der Fleischhauerei vorbeigehen mussten – in der Auslage hingen die Nazis – aufgeknöpft. Diesmal von den Russen. Für mich waren es immer nur Tote, die ich anschauen musste, ohne zu wissen, warum. Menschen, die umgebracht wurden – ich erkannte den Sinn nicht. Wir hatten einen Lehrer, der mich sooft auf den Kopf schlug, bis meine Haarspange endlich im Schädel steckte. Und ich wusste nicht, warum er dies tat.‘ Sie weinte kurz. Meine Mutter war in Geras als uneheliches Kind aufgewachsen. Mein Großvater hatte sich zwar zu seiner Vaterschaft bekannt. Aber mehr nicht. Und das alles in den Kriegswirren.

‚Was willst Du mir noch erzählen?‘ fragte ich. Sie weinte wieder. ‚Weißt Du, was Freiheit bedeutet? fragte sie mich. ‚Hm, wahrscheinlich selbstbestimmt leben. Tun, was ich will. Rausgehen, wann ich will und reisen, wohin ich will. Meinen Beruf ausüben, so, wie ich mir das vorstelle. Mich mit Menschen treffen! Lieben, lachen, leben!‘ Sie schaute mich nachdenklich an: ‚Stimmt alles. Aber – wirklich frei bist Du, wenn das alles nicht zählt. Meine Mutter hat mich und unsere Nachbarskinder immer dann, wenn die Russen kamen, in den Selchofen gesperrt. Wir mussten dort Stunden verbringen. Zusammengepfercht in einem dunklen Raum. Ich erträumte mir all die Freiheit aus Angst vor dem, was meiner Mutter genau in jenen Momenten angetan wurde. Sie schützte mich und uns und opferte sich selbst. Hatte sie eine Wahl? Hatte sie die Freiheit? Ja, das hatte sie – sie hatte gewählt‘. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.

Ich hatte keinen blassen Schimmer von den Qualen des Krieges. Und nicht von all den traumatischen Erlebnissen. Meine Mutter weinte. Und ich auch. Wir führten jeden Abend diese Gespräche. Und wir verabschiedeten uns, als gäbe es kein gemeinsames Morgen, mit viel Tränen. ‚Warum willst Du sterben?‘ fragte ich. ‚Weil ich genug gelitten habe.‘ sagte sie.

‚Kannst Du mir noch eine Frage beantworten?‘ ‚Ja, natürlich!‘ ‚Was bedeutet der Satz 'meine Freiheit endet dort wo die Freiheit des anderen beginnt' für Dich?‘ Sie überlegte. ‚Sei wachsam. Das Leben ist ein Kreis und keine Linie. Ja zum Leben heißt ja zum Tod. Vergiss‘ das nie. Wer Angst sät, wird Panik ernten. Fühle Deine Angst, Deinen Schrecken, Deine Trauer und Wut. Aber lass‘ Angst und Schrecken nie Dein Leben bestimmen. Nach Regen kommt Sonne – und das weißt Du!‘

© Michaela Schmitz, veröffentlicht 2020-05-03

Schlangenmedizin

‚Guten Morgen! Was willst Du zum Frühstück?‘ fragte ich meine Mutter. Langsam erhob sie sich aus dem Bett im Büro meines Vaters. Sie konnte nicht mehr in ihrem Zimmer im 1.Stock schlafen, da sie die Stufen hinauf nicht schaffte. Wir hatten den Dachboden gerade ausgebaut, das Badezimmer wurde fertiggestellt – sie suchte die Fliesen aus, die sie niemals mehr in der Badewanne liegend sehen sollte. Sie antwortete:‘ Hm, zuerst mal Kaffee, dann ein Brot mit Marillenmarmelade und zum Abschluss etwas Schlangenmedizin.‘

Brot war selbst gebacken, die Marillenmarmelade selbst eingekocht. Ohne Kaffee konnte meine Mutter nicht und die obligate Zigarette fehlte ihr sehr. Um die Lunge zu stabilisieren, hatten wir Schlangenmedizin gewählt. Da meine Mutter sicher war, keine weiteren Krankenhausaufenthalte auf sich nehmen zu wollen, versuchten wir begleitende Medizin, um die Spitzen der Symptome abzufangen. Damit nicht täglich der Hausarzt kommen musste, lernte ich, subkutan Spritzen zu setzen.

Ich drang meiner Mutter unter die Haut. Das war keine einfache Situation für mich. Mein Vater weigerte sich. ‚Wenn Du Arzneien brauchst, geh‘ zum Arzt. Aber das willst Du ja nicht.‘ sagte er. Aus und Schluss mit der Diskussion, die sich ergeben könnte. ‚Und ich sage es nochmals – JEDER Arzt ist der Meinung, dass Du ersticken wirst. JEDER!!! Du wirst einen fürchterlichen Erstickungstod erleiden, wenn Deine Lunge wegen des Krebses kollabiert. Und wir werden mit dem Notarzt ins Spital fahren, wo Du sterben wirst!‘ sagte mein Vater unter Tränen voller Wut und Zorn.

Ich hatte Angst. Ich wusste nicht, wie es enden würde. Ich hoffte, dass mir ‚jemand‘ die Kraft gab, das zu tun, was zu tun war. Der Vormittag verlief entspannt, meine Mutter wagte eine kleine Runde im nahe gelegenen Wald. Sie kam einmal zurück, weil sie etwas vergessen hatte. Ich beobachtete sie und sah, dass sie sich eine Zigarette mitnahm.

Am Abend, als mein Vater mit Freunden unterwegs war, sprach ich sie darauf an. ‚Entweder rauchst Du, weil es Dir wichtig ist – es ist DEIN Leben. Oder, Du rauchst NICHT. HEIMLICH geht gar nicht für mich!‘ Meine Mutter fühlte sich ertappt. Ich erklärte ihr nochmals, dass es ihr Leben, ihr Ende sei – mit oder ohne Zigarette. Ich wollte keine Heimlichkeiten. Sie brach in Tränen aus, entschuldigte sich und umarmte mich, so fest sie es noch konnte. Zigaretten waren ab diesem Moment nie mehr das Thema. Sie fragte nur zaghaft: ‚Sagst Du es Deinem Vater?‘ Ich sah sie erstaunt an: ‚Natürlich nicht, der versteht das sowieso nicht‘!

Und es war wieder einmal Abend geworden. ‚Na frag‘ schon‘ sagte sie. Sie wusste, unsere Situation beschäftigte mich immer noch. ‚Wann erwache ich aus diesem Alptraum?‘ fragte ich. Sie wurde ganz weich bei dieser Frage: ‚Äußere Zwänge und Beschränkung können Dir übel mitspielen. Ich kenne das aus dem Krieg. Wenn Du nichts zu verlieren hast, bist Du frei.‘

© Michaela Schmitz, veröffentlicht 2020-05-09

Mein Ongel – der Halbbruder meiner Mutter

Ja, richtig gelesen – mein Ongel. Er wollte immer so genannt werden. Wegen ‚zwischen Dir und Ongel‘ (zwischen Tür und Angel). Wir – mein Halbonkel und ich – haben uns oft nur flüchtig und rasch getroffen, deshalb ist der Onkel zum Ongel (Angel) mutiert. Ich liebte Helmut, meinen Onkel/Ongel/Halbbruder meiner Mutter, als Kind und Jugendliche abgöttisch. Er war modern, schrill, anders, unkonventionell, rebellisch mit langem Haar, Bart, modischem Outfit und zahlreichen Freundinnen. Mein Ongel Helmut. Werbetexter, Raucher, Pferdenarr. Später gegen die Werbung mit der Radiosendung ‚Und nach der Werbung husch ins Bett‘ (da durfte ich gemeinsam mit Dieter Dorner sprechen). Er schrieb gemeinsam mit Ingrid Rumpold (Help – die Konsumentenredaktion) und Matthias Dorcsi das Buch ‚Handbuch der Homöopathie‘. Mein Ongel begleitete seine Halbschwester, meine Mutter, durch ihre schwere Zeit des Abschiednehmens und ihres eigenen Endes. Er war, so wie ich, an ihrer Seite. Er verstand ihre Sucht – das Rauchen. Er war selber Raucher. Er war immer Rebell und anders artig – mein Vater hasst ihn. Er hasst ihn, als Sinnbild der 68er, sowieso, aber er hasste ihn als Begleiter der Selbstbestimmung meiner Mutter in ihren letzten Monaten umso mehr. Mein Ongel hatte ihr einen Arzt in Portugal vermittelt, den sie aufsuchte. Er hat mich unterstützt, dass meine Mutter zu Hause sterben konnte. Und mein Ongel war an ihrem Sterbetag da, hat mir geholfen, den Leichnam meiner Mutter zu waschen und anzuziehen. Mein Ongel war da.

Die Spannungen zwischen meinem Vater und Helmut waren spürbar. Meine Mutter wollte ihren Halbbruder regelmäßig bei sich haben. Sie hatten eine gemeinsame Vergangenheit, einen gemeinsamen Vater. Sie waren so unterschiedlich – und doch Geschwister und verbunden. Helmut war für seine Halbschwester, meine Mutter, immer da. In guten Zeiten und in schlechten Zeiten. Und er hatte auch versucht, für mich da zu sein.

Meine Stiefgroßmutter, die Mutter von Helmut, die Stiefmutter meiner Mutter, war eine hartherzige Frau. Sie hat meinen Ongel jeden Tag nach der Schule mit einem nassen Aufreibfetzen begrüsst- den sie ihm ins Gesicht schlug. Quasi als tägliche Übung. Auf Erbsen knien oder Erbrochenes essen – alles war bei ihr möglich. Mein Ongel hatte für sein Leben gelernt – und rebellierte mit den 68ern mit. Meine Mutter hatte eine tiefe Verbindung zu ihm. Sie waren sich sehr nah, obwohl mein Vater alles tat, um das zu verhindern. Meine Mutter blieb beharrlich und wollte ihren Halbbruder treffen. Auch in der Phase ihres Lebens, wo es klar war, dass ihr Ende nahe war. Ein Band der Gemeinsamkeit, dass bis zum Ende hielt.

Mein Ongel starb 2009, vermutlich an Lungenkrebs. Ich hatte ihn nach dem Begräbnis meiner Mutter bei meiner ersten Hochzeit 1987 das letzte Mal persönlich gesehen. Dass er schwer krank ist, hat er mir verschwiegen. Warum wohl?

© Michaela Schmitz, veröffentlicht 2020-05-30

Die Tante Hermi

‚Meine‘ Tante Hermi war immer für mich da. Sie war mit meinen Eltern befreundet. Mein Vater arbeitete als Vertriebsmitarbeiter bei den Heilmittelwerken, dort lernte er Fritz kennen. Fritz war unsterblich verliebt in Hermi, eine Frau 15 Jahre älter als er. Hermi hatte von ihrem ersten Mann ein Kind verloren – ihr Sohn war mit 5 Jahren an Lungenentzündung gestorben, ihr Mann hatte sich danach von ihr scheiden lassen. Hermi konnte beide Verluste nur schwer verkraften. Deshalb wehrte sie sich umso mehr gegen die Kontaktversuche von Fritz. Mein Vater versuchte zu vermitteln. Meine Mutter versuchte, Hermi zu unterstützen. Letztendlich heirateten Hermi und Fritz. Und alle hofften auf ein langes Happy-End. Doch leider war Fritz recht rasch seiner um 15 Jahre älteren Frau überdrüssig. Und ließ sich wegen einer jüngeren Frau scheiden. Hermi hatte wieder einmal ihr Leben verloren. Sie zerbrach nicht daran – sie hatte neue Freunde gewonnen – meine Eltern. Und mich. Ich liebte ihre Schweinshaxelsuppe und ihre überbackenen Topfenpalatschinken. Sie war eine mutige, selbstständige Frau, die sich nie in den Mittelpunkt gestellt hatte. Von ihrem Sohn erzählte sie mir oft. Und von ihrem Kinderwunsch. Bei meiner ersten Hochzeit meinte sie, ich würde es bereuen, nicht in Weiß und nicht in einer Kirche zu heiraten. Ich habe dies bis heute nicht bereut – aber es war ihr Wunsch. Und er wurde ihr verwehrt.

Hermi war meine Wahltante und sie war Mitglied unserer Familie. Sie war oft bei uns zu Besuch und im Sommer waren wir sie oft besuchen. In Kritzendorf. In einer diesen Pfahlbauten. Ich fand das als Kind und Jugendliche immer urspannend in diesen Häusern im Überschwemmungsgebiet. Man musste unzählige Stufen raufgehen, um ins Haus zu kommen!

Tante Hermin übernahm in den letzten Wochen, bevor meine Mutter verstarb, Anwesenheitsdienste. Wir lebten damals in Breitenfurt, mein Vater hatte meiner Mutter ein Haus gebaut. Vor meiner Geburt hatten meine Eltern ein kleines Haus am Flötzersteig – dieses verkaufte mein Vater, weil er ein Auto wollte. Meine Mutter musste in eine Wohnung ziehen – das war schlimm für sie. Sie war die ‚Waldviertler Freiheit‘ gewohnt. Mein Vater wusste um seine ‚Schuld‘ und so baute er 20 Jahre später ein Haus in Breitenfurt. Die Fertigstellung des Hauses hat meine Mutter nicht mehr erlebt.

Tante Hermi war eine besonnene und krisensichere Hilfe bei der Begleitung meiner Mutter in ihren letzten Stunden. Sie hatte viel Schmerz im Leben erfahren und war doch optimistisch und lebensfroh geblieben. Mir hat sie in den letzten Tagen im Leben meiner Mutter viel geholfen – sie war einfach da – unscheinbar, aber anwesend. Liebevoll, aber nie aufdringlich. Bestimmend, aber nie übergriffig. Verlässlich, aber nie dominant.

Meine Mutter war glücklich, eine hilfreiche Freundin an ihrer Seite zu wissen. 

© Michaela Schmitz, veröffentlicht 2020-06-01

Weinchadeau bis zum Ende meiner Tage

Meine Mutter und ich saßen am Tisch im Wohnzimmer. Sie hatte sich frisch gemacht. Der Arzt meiner Mutter kam zum Gespräch zu uns nach Hause. Es hatte fast etwas Witziges. Dieser hagere Mann kam mit seinem Moped den steilen Hang herunter gefahren. Er war tatsächlich aus Wien nach Breitenfurt mit dem Moped gefahren. Meine Mutter hatte Vertrauen zu ihm. Er unterstützte das, was sie wollte. Und sie wollte ihren Tod.

So saßen wir an diesem warmen Oktobervormittag alle gemeinsam bei Tisch – meine Mutter, mein Vater, der Arzt und ich. Unser Hund lag unter dem Tisch. Der Arzt sagte zu meiner Mutter: ‚Wollen Sie mit mir alleine sprechen oder wollen Sie Ihre Familie dabei haben?‘ Meine Mutter antwortete: ‚Wenn möglich, erklären Sie uns die Lage. Das Einzelgespräch wünsche ich mir danach?‘ ‚Geht in Ordnung‘, sagte der Arzt.

Er erklärte uns, dass der Tod meiner Mutter unausweichlich war. Die Werte sprachen eine eindeutige Sprache. Er rechnete mit ein bis vier Wochen. Wir hatten Mitte Oktober, der Herbst war bunter und farbenprächtiger als sonst. Die Sonne schien warm ins Zimmer. ‚Wie wird mein Ende sein?‘ frage meine Mutter. Der Arzt erwiderte: ‚Sie sind bereit. Somit gehe ich davon aus, dass Sie ruhig einschlafen werden. Ich werde mein Bestes geben!‘

Mein Vater sprang auf: ‚Ich wollte nie, dass Du nicht ins Krankenhaus gehst! Ich wollte, dass Du Dich abermals operieren lässt, Chemo machst – was auch immer. DU verlässt mich nicht einfach so! Du wirst elend ersticken! Ganz sicher! Lungenversagen und Erstickungstod! Ich weiß das und ALLE sagen das!‘ Mein Vater war außer sich – wie konnte sie ihm das antun.

Ich verstand meine Mutter. Sie hatte genug. Genug von der Chemotherapie, genug von der Hoffnung auf Heilung, genug vom Kampf, genug vor der Angst vor dem Tod. Sie sagte: ‚Ich schaue dem Tod gerne in die Augen. Er kommt und das ist gut so.‘ Mein Vater sagte: ‚Ich mache alles für Dich, damit Du bei mir bleibst‘. Meine Mutter entgegnete: ‚Es ist zu spät. Ich habe meinen Weg gewählt. Egal, was Du tust – ich sterbe. Nicht jetzt, aber vielleicht morgen, übermorgen, in einer Woche – es ist absehbar. Und ich habe einen Wunsch! Mach‘ mir täglich bis zu meinem Tod ein Weinchadeau – ich liebe es!‘

Mein Vater war außer sich und stürmte aus dem Zimmer. Ich blieb. Meine Mutter wirkte so stark und zerbrechlich zugleich. Sie lächelte mich an. Sie wusste, was sie zu tun hatte. Sie bat mich zu gehen, um mit dem Arzt alleine zu reden. Sie hat mir nie von diesem Gespräch erzählt. Wenig später brachte ich sie in ihr Zimmer und setzte mich an ihr Bett und sie sagte: ,Habe keine Angst. Es gibt mehr, als Du siehst und mehr, als Du denkst. Es wird nicht gut, es IST gut. Hab‘ Vertrauen – so wie ich. Wir sind beide Reisende ins Ungewisse.‘

© Michaela Schmitz, veröffentlicht 2020-05-04

Der Hochzeitstag

Die Herbstsonne schien warm ins Wohnzimmer. Meine Mutter saß am Sofa, in ihrem Lieblingsgewand (sie hatte sich hübsch gemacht) und der Sauerstoffflasche neben ihr. Mein Vater hatte weiße Chrysanthemen und eine Flasche Sekt besorgt. Er wollte den 33igsten Hochzeitstag mit meiner Mutter gebührend feiern. Ich hatte ein kleines Geschenk vorbereitet. Meinem Vater war es immer wichtig, dass ich ihnen etwas zum Hochzeitstag schenkte.

Mir war nicht zum Feiern. Die letzten Tage waren anstrengend gewesen, meiner Mutter half kein Schmerzmittel so richtig gegen die starken Schmerzen in den Beinen. Auch der Arzt war ratlos – er konnte sich das nicht erklären. Morphium war ja keine Option mehr. So tasteten wir uns durch die unterschiedlichen Arten von schmerzstillenden Medikamenten.

Mein Vater öffnete die Sektflasche, goß die dunkelrote Flüssigkeit in die Gläser. Meine Mutter konzentrierte sich darauf, ruhig und tief zu atmen. Wie immer zu solchen Anlässen hielt mein Vater eine kleine Rede. ‚Zur Feier des Tages – wir sind nun 33 Jahre verheiratet – gibt es Blumen und Sekt. Und hier habe ich einen Gutschein für eine Urlaubsreise. Nur wir zwei. Wir sollten das bald machen. Wenn unser Geschäft es zulässt. Aber bald! Ich liebe Dich. Ich trage Dir Deine Sauerstoffflasche. Wir werden den 34igsten Hochzeitstag auch noch feiern.‘

Seine Worte streiften mein Ohr, ich konnte die Worte aber nicht fassen, so unfassbar war diese Situation. Der Tod war mit im Raum und er sprach vom nächsten Jahr. Warum sind wir für das Offensichtliche so blind? Meine Mutter antwortete unter Tränen: ‚Danke für die Blumen. Und danke für den Sekt. Du weißt, es ist zu spät. Ich habe es schon gesagt. Du kannst mir heute am Abend wieder ein Weinchateau machen. Ich habe gute Tage, ich habe schlechte Tage. Aber an keinem Tag werde ich fähig sein, mit Dir zu verreisen. Nie mehr wieder.‘

Sie konnte nicht mehr. Beide weinten. Ich hatte keine Tränen mehr parat, die letzte Nacht war zu lang und zu schmerzhaft gewesen. Ich musste zur Arbeit. Alles fühlte sich so unwirklich an. Der Druck stieg, das scheinbare Gebälk um mich knarzte – wie viel kann man ertragen? Meine Eltern saßen schweigend da, als ich mich verabschiedete. Am Abend kehrte ich zurück. Mein Vater schaute fern, das Weinchateau war fertig, meine Mutter lag im Wohnzimmer am Sofa. Alles wirkte friedlich. ‚Könntest Du mir beim Waschen helfen? Ich schaff‘ es nicht mehr alleine in die Badewanne.‘ sagte meine Mutter.

Natürlich konnte ich ihr helfen. Und natürlich wusch ich sie. Und natürlich weinten wir dabei. ‚Los, frag‘ schon‘ sagte sie, als sie im Bett lag. ‚Ich kann das alles nicht einordnen. Aber vielleicht ist das der Grund, warum ich mich so steuerlos fühle.‘ sagte ich. ‚Kontrollverlust!? Dein Leben ist nicht mehr wie vorher. Aber hattest Du davor alles unter Kontrolle? Denk‘ darüber nach!‘

© Michaela Schmitz, veröffentlicht 2020-05-13

Friedhofsbesuch der anderen Art

Wir wussten jetzt also Bescheid. Meine Mutter würde demnächst sterben. Sie trug es mit Fassung. Mein Vater mit Unverständnis – wenn sie nur wieder eine Chemotherapie machen würde, dann wäre alles gut.

Ich versuchte so gut wie möglich, meine Mutter in ihrem Wunsch, keine Therapie mehr zu machen und zu Hause sterben zu können, zu unterstützen. An guten Tagen konnte sie in den nahegelegenen Wald gehen. An schlechten Tagen ums Haus oder auch nur auf’s WC. Ich war da. ‚Wie geht es Dir heute?‘ fragte ich. Ich hatte die Hoffnung, dass es doch noch gut ausgehen konnte, nicht aufgegeben.

Sie überlegte länger und sagte dann: ‚Eigentlich ganz gut. Ich habe durchgeschlafen. Ich habe meinen Kaffee bei mir behalten und heute noch kein Sauerstoffgerät gebraucht. Ich konnte alleine auf’s WC gehen und sogar eine Runde im Garten drehen. Ich saß in der Herbstsonne! Jetzt wünsche ich mir eigentlich nur noch, dass ich noch einmal den Schnee sehen kann!‘

Ich bewunderte sie jeden Tag – sie wusste, dass es zu Ende ging und war einfach nur da und präsent. ‚Ich habe heute eine ganz besondere Bitte an Dich‘ sagte sie zu mir. ‚Ah, welche denn?‘ fragte ich. ‚Ich möchte nicht am Zentralfriedhof begraben werden, der ist mir zu groß und zu weit weg. Ich hätte gerne mein Grab am Liesinger Friedhof. Da ich aber nicht mehr fit genug bin, um mir mein Grab selber auszusuchen, möchte ich, dass Du das für mich machst. Ist das für Dich möglich?‘ sie sah mich fragend an.

Was sollte ich antworten? Ich sollte für meine Mutter ein Grab aussuchen! Ich antwortete: ‚Natürlich mach‘ ich das für Dich. Was wünscht Du Dir?‘ ‚Ich möchte einen Platz mit viel Sonne und einem Baum, alles andere ist mir egal.‘ ‚Na dann -ich werde fahren!‘ sagte ich schweren Herzens. Und so habe ich für meine Mutter einen schönen Platz am Liesinger Friedhof ausgesucht.

Es war schon sehr unwirklich, das zu tun. Aber es musste getan werden – welche Wahl hatte ich denn? Ich machte ein Foto vom Platz und ließ den Film rasch entwickeln – und hoffte, dass meine Mutter noch so lange leben würde, um zumindest das Foto über den Platz ihrer letzten Ruhestätte noch zu sehen. Als ich vom Friedhof heimkam, saß meine Mutter schon wartend im Wohnzimmer. ‚Und? Hast Du einen Sonnenplatz für mich gefunden?‘ fragte sie. ‚Ja!‘ antwortete ich mit Tränen in den Augen.

‚Du weinst zu viel, das ist nicht gut für Dich. Trauer und Tränen sind wichtig. Aber es gibt auch anderes. Du wirst mich nicht verlieren! Solange Du Dich an mich erinnerst, werde ich in Dir weiter leben. Wir haben genug geweint. Und das mit dem Friedhof können wir jetzt abhaken. Kannst Du mir noch die Sauerstoffflasche zum Bett stellen? Danke! Wenn Dein Leben erfüllt ist, ist jeder Tag ein guter Tag, um zu sterben. Achte auf das, was Dir Dein Herz sagt.‘

© Michaela Schmitz, veröffentlicht 2020-05-06

Totenschein

Wieder einmal eine dieser schlaflosen Nächte. Meine Mutter und ich hatten am Abend zuvor ein langes Gespräch geführt. Sie saß aufrecht in ihrem Bett, die Sauerstoffflasche neben ihr und ich hatte mich ans Fußende gesetzt.

Wir sprachen über die lange Zeit ihrer immer wieder aufflackernden Krankheit, den Krebs. Und wir sprachen darüber, wie er unser aller Leben verändert und begleitet hatte, welchen Einfluss diese Erkrankung auf uns alle hatte. Meine Kindheit wurde abrupt beendet, die Unbeschwertheit war dahin. Viele Ziele, die sich meine Eltern gesetzt hatten, wurden in Frage gestellt. Meine jugendlichen Sorgen wurden, verständlicherweise, hinten angestellt. So gab es wenig Raum für Kommunikation. Dafür viel Raum des Schweigens und Verdrängens.

So versuchten meine Mutter und ich an jenem Abend, ein paar verschüttete Situation aufzudecken, uns gegenseitig zu erzählen und uns gegenseitig zu verzeihen. Wir weinten viel, aber dafür gemeinsam. Und zwischen dem Weinen gab es auch Lachen, Hoffnung, Erkenntnis. Dieser Abend war einer von vielen in diesen letzten Monaten ihres kurzen Lebens, den wir intensiv erlebten und bewusst gestalteten. Im Rückblick erscheint es mir fast wie aus der Zeit heraus gehoben – meist hatte sie nur Kraft, 1 bis 2 Stunden mit ‚Aufarbeitung von Altem‘ zu verbringen – aber es schien uns, als wäre es viel mehr gewesen?

Am Morgen nach einer dieser intensiven Abende erklärte mir meine Mutter zum Frühstück: ‚Kannst Du bitte den Gemeindearzt informieren, dass er mir einen Hausbesuch abstatten muss. Er ist der, der den Totenschein ausstellt. Ich möchte nach wie vor zu Hause sterben und er soll nicht im Ungewissen bleiben. Es erspart auch euch eventuell ein unangenehmes Nachfragen, wenn ich schon tot bin.‘

Immer wieder war ich sprachlos, an was sie alles dachte. Und sie hatte recht – besser vorher alles besprechen und bereinigen, als danach Komplikationen zu haben.

So rief ich den zuständigen Arzt an und machte einen Termin aus. Er kam an einem Abend vorbei, mein Vater und ich waren anwesend. Meine Mutter wollte mit dem Arzt alleine sprechen – ohne uns. Was meine Mutter mit unserem Gemeindearzt besprochen hat, weiß ich nicht. Sie hat es uns nie erzählt. Er kam nach ca. 20 Minuten heraus, setzte sich zu uns ins Wohnzimmer und sagte: ‚Ihre Frau, Ihre Mutter, hat mir alles erzählt und mir ihre Befunde gezeigt. Ich respektiere ihren Wunsch, zu Hause zu sterben. Danke, dass Sie mich vorher eingebunden haben. Wir sehen uns – mit Sicherheit – wieder.‘

Er verabschiedete sich und wir blieben schweigend zurück. Bis mein Vater sagte: ‚Ich habe gehofft, er warnt sie vor dem Erstickungstod und sie sieht ein, dass sie ins Spital muss.‘ Er sah mich fragend an – ich konnte nicht antworten, sondern ging in mein Zimmer.

© Michaela Schmitz, veröffentlicht 2020-05-17

Das Testament

‚Guten Morgen, wie hast Du geschlafen?‘ fragte ich meine Mutter, bevor ich zur Arbeit in unsere Drogerie in Liesing fuhr. ‚Danke, es war ganz in Ordnung. Ich habe nur solche Krämpfe in den Beinen. Kannst Du mir bitte doch das andre Medikament aus der Apotheke mitbringen? Dein Vater ist ja gerade auf Urlaub zur Erholung.‘

Oh! Da schwang doch einiges an Information mit! Ich nahm das Rezept für das Morphium und fuhr los. Mein Vater konnte die Situation nicht ertragen – er wollte, dass meine Mutter ins Spital ging. Freiwillig zu sterben? Das erinnerte ihn schmerzlich an seine eigene Mutter.

Ich brachte das Medikament mit und meine Mutter nahm die erste Dosis. Wir hofften auf Erleichterung bei den unerträglichen Schmerzen in den Beinen. Ich formuliere es mal positiv: wir hatten einiges zu lachen – meine Mutter wusste nicht mehr, welche Tageszeit war, sie konnte nicht mehr alleine aufs Klo gehen und sie landete siegessicher in meinem großen Rosmarinbaum. Das Thema ‚Morphium‘ war damit erledigt.

Meine Mutter meinte am nächsten Tag: ‚Nie mehr wieder möchte ich völlig benebelt und neben mir Dinge tun, die ich nie tun würde. Ich ertrage JEDEN Schmerz – lasst mich klar von dieser Welt verabschieden.‘ In den nächsten Tagen würde mein Vater von seinem Erholungsurlaub zurückkommen – meine Mutter wollte ihr Testament unter Zeugen unterschreiben. Die mehr als langjährigen Freunde, Ernst und Gerti, sollten dabei sein.

So gab es ein Treffen der anderen Art. Ich kann mich nicht mehr erinnern, welchen Inhalt das Testament hatte oder welche Auswirkungen oder welche rechtlichen Folgen. Aber ich kann mich an die Stimmung erinnern. Wir saßen im Büro meines Vaters. Meine Mutter aufrecht im Bett. Alle weinten, meine Mutter sprach ihren letzten Willen. Ernst schrieb mit. Mein Vater war unfähig, ein Wort zu sprechen. Mir war die Kehle zugeschnürt. Und gleichzeitig war da diese Stärke meiner Mutter.

Unfassbar. Sie saß aufrecht, Tränen rannten ihr übers Gesicht – aber sie war vollkommen klar, ohne Schmerz. Sie wusste, was sie zu tun hatte. Das Leben nahm seinen Lauf. Alle unterzeichneten das Testament. Alle verabschiedeten sich – es war ein endgültiger Abschied, zumindest was meine Mutter betraf. Sie hatten gemeinsam so viel erlebt, so viel geteilt – und nun war das Ende besiegelt. Das hatte etwas Unausweichliches, aber auch etwas Tröstliches. Sie hatten es gemeinsam erlebt und das konnte ihnen niemand nehmen. Die Erinnerung war lebendig – so, wie sie es heute immer noch ist.

Mein Vater ging schweigend zu Bett. Ich saß an der Bettkante bei meiner Mutter. Wir schwiegen. Ich sah sie an. Sie lächelte sehr zaghaft, aber doch und fragte besorgt: ‚Du willst mir heute nicht wieder eine Frage stellen? Ich sag‘ dir gleich – heute war es viel für mich. Ich werde sterben und alle anderen weinen. Ich habe diesen Weg bewusst gewählt – warum stimmt das alle so traurig?‘

© Michaela Schmitz, veröffentlicht 2020-05-07

Wie sagt man es dem Vater?

Meine Mutter saß in der Morgensonne und las Zeitung. Sie wirkte so ruhig, etwas zerbrechlich und sehr entspannt. Die letzte Nacht hatten wir viel geredet – auch über ihr Ende und ihr Begräbnis. Sie wusste, sie musste ihrem Vater Bescheid geben. Durch ihren Halbbruder gab es eine gute Verbindung, doch die tatsächliche Wahrheit über ihren Gesundheitszustand wollte sie ihrem Vater selbst mitteilen – und schob es einen Tag nach dem anderen auf. Mein Großvater war über 80 Jahre alt, ein sehr zufriedener, ausgeglichener und bescheidener Mensch. Ich hatte nur den einen Großvater (Julius Gyürky) und ich liebte ihn. Er war immer ruhig, meist besonnen und liebevoll. Das Gezeter meiner Stiefgroßmutter ging ihm oft beim einen Ohr rein und beim anderen wieder raus (i muss ned allas, wos sie sogt, imma hern …) – er liebte die Ruhe, seine ungarische Salami (er war Ungar), sein Kartenspiel und seine Zigaretten. Mein Großvater wuzelte sich seine Zigaretten selbst – abgezählt für den Tag. Er war ein Genussraucher.

Meine Mutter hatte immer wieder mit ihrem Vater telefoniert, ihm mitgeteilt, dass es ihr manchmal nicht so gut ginge, aber in Summe sei sie froh gestimmt, dass alles Gute werde und sie ihn bald besuchen könnte. So hielt sie ihn von einem zum anderen Telefonat hin, ohne ihm die Wahrheit zu sagen. Ich denke, mein Opa wusste, was Sache war – wollte es aber nicht aussprechen. Meine Mutter wand sich von einem Tag zum anderen – so kannte ich sie nicht. Ich fragte sie: ‚Wie lange willst Du Opa noch hinhalten?‘ ‚Ich weiß es nicht – ich habe nicht die Kraft, ihm zu sagen, dass ich sterben werde. Aber ich weiß, er hat ein Recht darauf, zu wissen, was mit mir los ist.‘ sagte sie mit leiser Stimme. ‚Er weiß, was mit Dir los ist. Aber er braucht Deine Bestätigung. Sprich‘ mit ihm, bitte!‘ sagte ich zu ihr. ‚Na gut, dann telefonieren wir jetzt‘ sagte meine Mutter. So war sie – in einem Moment verzagt und zerbrechlich – im nächsten stark und zielgerichtet.

Es fällt mir heute noch schwer, über dieses letzte Telefonat zwischen Tochter und Vater zu berichten. Die Unausweichlichkeit des Todes, des Verlustes war zu schmerzlich spürbar. Mein Opa sagte: ‚Ich muss gehen, ich bin alt, ich will sterben – ich will nicht meiner Tochter nachschauen, das ist nicht gerecht!‘ Er war so verzweifelt, so wütend und so entsetzt. Und meine Mutter weinte und weinte und weinte … endlose Trauer. Sie wollte ihrem Vater kein Leid zufügen und musste ihn doch mit der Wahrheit ihres Todes konfrontieren.

Nie werde ich diese Szene am Telefon im Vorzimmer unseres Wohnhauses in Breitenfurt vergessen. Es fühlt sich heute so an, als wäre es gestern gewesen – und nicht vor 35 Jahren.

© Michaela Schmitz, veröffentlicht 2020-05-25

Das Ende eines Lebens

13.11.1985. Es liegt Schnee. In der Nacht vom 12.11. auf den 13.11. hatte es geschneit. ‚Einmal möchte ich noch den Schnee sehen, ihn spüren, mich an seiner Kälte erfreuen‘ – das waren die Worte meiner Mutter, die wusste, dass sie demnächst sterben würde. Ihr Wunsch wurde erfüllt. Zwei Tage zuvor lag ich am Sofa im Wohnzimmer und konnte nicht schlafen. Ich war fertig. Ich war am Ende. Am Ende meiner Kräfte, am Ende dessen, was ich glaubte, ertragen zu können. Ich war nie gläubig (und mit 18 aus der Kirche ausgetreten, was mir mein Vater nie verziehen hat). In dieser Nacht bat ich um die Kraft, die ich benötigte, um das alles zu Ende zu bringen. Und gut zu Ende zu bringen. ‚Du bist schuld am Tod deiner Mutter!‘ – das waren die Worte meines Vaters. Ich sagte nichts. Er hatte recht – ich hatte nichts dazu beigetragen, ihr Leben – koste es, was es wolle – zu retten. Denn sie wollte nicht mehr leben und es gab nichts mehr zu retten. Hätte ich ihre Entscheidung nicht respektieren sollen?

Es ging mit dem Leben meiner Mutter zu Ende. Der Arzt meinte, es würde nicht mehr lange dauern. Es war Mittwoch, der 13.11.1985. Wir hätten unser Geschäft von 8:00 bis 12:00 offen gehabt – an diesem Tag blieb ich aber zu Hause. Mein Onkel war anwesend. Er wollte bei seiner Halbschwester sein. Mein Vater kam gegen 13:00 nach Hause. Ich weiß nicht mehr, was wir an diesem Tag zu Mittag aßen. Aber am Nachmittag gegen 16:00 bereitete ich das Abendessen vor. Mein Onkel kam in die Küche und sagte: ‚Es ist soweit‘.

Ich stürmte in das Zimmer meiner Mutter an ihr Bett. Ich rief: ‚Mama!‘ – und holte sie von weit weit weg zurück. Es war ein Schock. Wo war sie? Ich weiß es jetzt – sie war bereits am Weg. Sie antwortete: ‚Alles ist gut. Geh‘ essen und komm‘ wieder.‘ Wir aßen Mangold und Spiegelei und versammelten uns danach rund um das Bett meiner Mutter. Sie atmete tief, aber sehr langsam. Ich hielt ihre Hand. Wir weinten alle – mein Vater, mein Onkel und ich. Sie atmete – und die Pausen zwischen ein- und ausatmen wurden länger. Und länger. Und länger. Und länger. Unser Hund, ein Fox Terrier, sprang von seinem Platz unter dem Schreibtisch auf und hüpfte auf das Bett meiner Mutter, versuchte sie zu stupsen.

Es war 17:55. Die nächsten Minuten wurden zu den längsten meines Lebens. Meine Mutter starb friedlich, entspannt, begleitet von uns am 13.11.1985 um 18:00. Die Uhr schlug unüberhörbar im Zimmer. Unser Hund legte sich wieder unter den Schreibtisch.

Mein Vater rief: ‚Und was ist jetzt mit mir? Ich bin alleine! Sie hat mich verlassen!‘ Mein Onkel und ich suchten das Gewand, welches sich meine Mutter für ihre Beerdigung ausgesucht hatte. Wir schnitten ihr das Nachthemd vom Leib, wuschen sie und zogen ihr ihr Lieblingskleid an. Wer jemals einen Toten angezogen hat, weiß, wie das ist. Ich werde es nie vergessen. Wir öffneten über Nacht das Fenster.

Am nächsten Tag verabschiedete ich mich vom Leichnam meiner Mutter.

Meine Mutter starb am 13.11.1985 mit 55 Jahren. Todesursache: Lungenversagen durch Lungenkrebs

© Michaela Schmitz, veröffentlicht 2020-06-28

veröffentlicht am 09.08.2026