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Ist das jetzt Demokratie?

Dienstag Früh ist Schulversammlung.

Etwa 80 Kinder und Jugendliche sowie deren LernbegleiterInnen treffen sich im Festsaal der Lernwerkstatt Pottenbrunn, um sich auszutauschen.Jeweils zwei Jugendliche leiten die Versammlung. Hier ist der Raum, in dem „Angebote“ vorgestellt, Wünsche geäußert, Probleme angesprochen und diskutiert werden können.

Die wöchentlichen Schulversammlungen oder Sit-Ins sind eines der Elemente, in denen die Grundhaltung der Lernwerkstatt zum Ausdruck kommt.

Demokratische Teilhabe

So wie auch andere Lerngebiete nicht „unterrichtet“ werden, sondern in der vorbereiteten Umgebung einfach vorkommen, so wird auch Demokratie nicht unterrichtet, sondern demokratische Teilhabe ist selbstverständlicher Teil des Schulalltags. Die Kinder und Jugendlichen sind MitgestalterInnen. Sie fühlen sich ernstgenommen und berücksichtigt, sie können selbst etwas bewirken. Dass sie mit dieser Erfahrung aufwachsen, gibt ihnen die Chance, sich auch im weiteren Leben ihres Rechts auf Mitgestaltung bewusst zu sein, und den Willen, es auch einzufordern. Demokratie heißt eben viel mehr als ab und zu wählen zu gehen und Mehrheiten über Minderheiten bestimmen zu lassen.

Foto David Meixner

Gleichwürdigkeit

Auch in der Lernwerkstatt sind LernbegleiterInnen und SchülerInnen nicht gleichgesetzt. Sie sind ja nicht „gleich“, sie haben unterschiedliche Aufgaben. Worum es geht, ist „Gleichwürdigkeit“, ein Begriff, den der Pädagoge Jesper Juul geprägt hat.Gleichwürdigkeit ist unabhängig von den Unterschieden in Alter und Entwicklungsphase. Sie bedeutet, dass die Bedürfnisse jedes Menschen gehört und respektiert werden.

Ein Kind, dass sich in seinen Bedürfnissen gesehen und respektiert fühlt, kann aus der Phase des Egozentrismus herauswachsen. Jugendliche, die Verantwortung für sich selbst übernehmen dürfen, entwickeln auch die Fähigkeit, Verantwortung für andere, für die Gruppe zu übernehmen.

Die Fähigkeit Kompromisse auszuverhandeln ist tägliche Übung.

Das freie Lernen

Von manchen mag „freies Lernen“, also dass Kinder ihre Beschäftigungen in einer vorbereiteten Umgebung jederzeit und konsequent frei wählen, als radikaler Weg gesehen werden. Ich sehe es als logischen Schluss und Erfolgsrezept, wenn wir wollen, dass Kinder zu selbstbestimmten Erwachsenen heranwachsen.

Nehmen wir die Bedürfnisse von Kindern ernst, so dürfen wir miterleben, dass sie sich Kulturtechniken (also „Schulstoff“) dann aneignen, wenn es für sie genau passt. Haben die Erwachsenen dafür bestimmte Erwartungshaltungen, können diese dabei durchaus auf die Probe gestellt und auch enttäuscht werden. Der Lohn ist dafür, dass natürliche Neugier und Freude am Lernen erhalten bleiben.

Die Lernbegleiterin Ingrid Winterheller erzählt aus der Praxis: „Für Angebote hängen wir Interessenszettel aus, das kann von uns BegleiterInnen ausgehen oder auch durch Vorschläge von Kindern. Die meisten Angebote werden sehr gut angenommen, letztes Schuljahr waren Experimente sehr beliebt, außerdem die Sprachangebote in Englisch und Spanisch, vor Weihnachten das Herstellen von Filzengeln. Auch für Ausgänge gibt es immer viel Interesse, wir waren da zum Beispiel in der Kerzenfabrik, Eislaufen oder in der Albertina. Dass etwas gar nicht angenommen wird, kommt selten vor, aber auch das gibt es, und dann ist das auch in Ordnung.“

Foto David Meixner

Hey Staat

Jugendliche, die ihre Pflichtschulzeit in der Lernwerkstatt verbracht haben, verlassen diese als junge Erwachsene, die erfahren haben, dass sie etwas bewirken können, wenn sie selbst Verantwortung übernehmen. Sie sind bereit, ein aktiver, kritischer und sozialer Teil der Gesellschaft zu werden, Menschen, die eine funktionierende Demokratie braucht, um widerstandsfähig gegen autokratische Strömungen zu bleiben.

Leichtgemacht wird es der elternverwalteten Schule nicht … Vom Staat, für den sie einen wertvollen Beitrag leistet, wird sie finanziell nur wenig unterstützt.

Folgende Zahlen wurden von der Statistik Austria für das Jahr 2024 veröffentlicht:

Für die Bildung von Kindern an allgemein bildenden Pflichtschulen bringt der Staat pro Kind monatlich durchschnittlich 1.115,- Euro auf, 800,- Euro davon sind der Anteil für Personalkosten.*

Die gesamte staatliche Unterstützung pro Kind der Lernwerkstatt belief sich im selben Jahr auf 88,- Euro monatlich.

So wie die Lernwerkstatt Gleichwürdigkeit von Menschen lebt, so möchten wir auch gesehen werden. Was wir uns wünschen, ist so viel Offenheit im Bildungswesen, dass unser Zugang zu Bildung nicht nur am Papier anerkannt, sondern auch finanziell gleichbehandelt wird.

*https://www.statistik.at/statistiken/bevoelkerung-und-soziales/bildung/bildungsausgaben, https://www.statistik.at/statistiken/bevoelkerung-und-soziales/bildung/schulbesuch/schuelerinnen

veröffentlicht am 11.09.2026