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LEADER als Transformationsagentur

Die Klimakrise ist und bleibt die größte Herausforderung unserer Zeit. Welche Maßnahmen notwendig sind, um einen lebenswerten Planeten zu erhalten, darüber scheiden sich die Geister. Ein möglicher umfassender Ansatz ist das Konzept der sozialökologischen Transformation. Dieser Ansatz verfolgt die grundlegende Veränderung unserer Gesellschaft. Dabei geht es nicht nur um den Erhalt eines lebenswerten Planeten, sondern auch darum allen Menschen ein gutes Leben zu ermöglichen.Ausgehend von diesem Konzept habe ich mir die Frage gestellt, wer eine solche Transformation vorantreiben kann. Mein Betreuer für die Masterarbeit Prof. Andreas Novy hat in dieser Findungsphase gerade eine Publikation zu sogenannten „regionalen Transformationsagenturen“ im Rahmen eines Forschungsprojektes zur Transformation des ländlichen Raumes verfasst. Mir sind bei diesem Konzept starke Ähnlichkeiten zur Arbeitsweise von LEADER, einem EU-Förderprogramm zur Weiterentwicklung des ländlichen Raums, aufgefallen. Auf dieser Grundlage wollte ich mir ansehen, ob LEADER die Rolle von regionalen Transformationsagenturen erfüllen könnte und was es dafür bräuchte.

Forschungsfrage: Wie muss sich LEADER verändern, um die sozialökologische Transformation in ländlichen Regionen zu unterstützen?

Zur regionalen Transformation allgemein:

Was bedeutet Transformation? Der Begriff Transformation wird heute immer öfter verwendet und ist historisch stark geprägt vom Österreichisch-Ungarischen Wirtschaftswissenschaftler Karl Polanyi. In seinem Buch „The Great Transformation“ hat er die Entwicklung Europas von vor der Industriellen Revolution bis zum zweiten Weltkrieg beschrieben. Er hat dabei aufgezeigt welch großen Einfluss insbesondere die Geldpolitik in dieser Zeit hatte. Heute wird der Begriff immer öfter im Zusammenhang mit der Klimakrise genutzt. Jedenfalls geht es immer um grundlegende Veränderungen in unserem gesellschaftlichen Zusammenleben.

Bei transformativen Prozessen ist zu unterscheiden zwischen aktiv geplanten Veränderungen und jenen die von selbst passieren. Eine sozialökologische Transformation braucht jedenfalls aktive Entscheidungen mit dem Anspruch grundlegende Veränderungen anzustoßen.

Meine Ergebnisse:

Die Analyse von LEADER in Österreich mit Hilfe von Literatur, Expert:inneninterviews und einer Fallstudie und deren Gegenüberstellung mit dem Konzept der regionalen Transformationsagenturen hat die erste Vermutung bestätigt, die beiden Ansätze sind sich in einigen Punkten sehr ähnlich. Bei entsprechendem politischem Willen könnte LEADER so umgebaut werden, dass das Programm die Aufgaben einer regionalen Transformationsagentur erfüllt.

Nach dieser Erkenntnis habe ich versucht herauszuarbeiten welche Punkte zentral sind für eine solche Veränderung und wie sie umgesetzt werden könnten.

Die LEADER-Struktur: Der große Vorteil von LEADER ist, dass es eine etablierte Governance-Struktur ist, welche gut zu den Anforderungen von regionalen Transformationsagenturen passt. Hinzu zählen die folgenden Punkte:

  • Eine Lokale Entwicklungsstrategie welche für jede Förderperiode Handlungsfelder und Ziele definiert.
  • Lokale Lösungen für globale Herausforderung.
  • Partizipativer Ansatz von LEADER:
      • Die regionale Entwicklungsstrategie wird in der Regel mit Hilfe von breit aufgesetzten Beteiligungsformaten erstellt.
      • Die Gremien von LEADER werden zu über 50 Prozent von Personen besetzt, welche kein politisches Amt bekleiden
    • LEADER schafft regionale Managementkapazitäten für transformative Maßnahmen, welche in ländlichen Regionen oft fehlen.
    • Fördergelder für regionale Projekte. Entscheidung über die Förderzusage fällt in der Region.

Diese Punkte werden auch für regionale Transformationsagenturen als zentralen Elementen angesehen. Erfolgreiche Transformation sollte gemeinsam mit der Bevölkerung erarbeitet werden und möglichst an die regionalen Bedingungen angepasst werden. Transformative Prozesse brauchen eine möglichst breite Unterstützung aus der Bevölkerung und die angesprochenen Punkte sollten zu einer solchen beitragen.

Auch wenn die Struktur von LEADER gut passt, gibt es auch hier noch Verbesserungspotential. So definiert die österreichische GAP-Strategie Politikerinnen und Politiker erst ab dem Rang der Vizebürgermeisterin. Die Fallstudie zur Region Elsbeere Wienerwald hat gezeigt, dass dies zur Dominanz politischer Gruppen führen kann. Die Abbildung zeigt, dass hier die Kandidatinnen und Kandidaten auf ÖVP-Listen die Generalversammlung dominieren (GR-Wahl 2025). In der nachfolgenden Darstellung ist abgebildet, welche Mitglieder der Generalversammlung bei der Gemeinderatswahl bei Parteien kandidiert haben.

Durch eine Ausweitung der Definition von Politikerinnen und Politikern in der GAP-Strategie könnte eine solche Situation einfach vermieden werden.
Inhaltliche Ausrichtung von LEADER: Im Gegensatz zur organisatorischen Struktur passt die inhaltliche Ausrichtung noch nicht zum Ansatz der regionalen Transformationsagenturen. Das aktuelle Ziel von LEADER ist es die ländliche Entwicklung zu fördern. In Österreich wird dieses Ziel ergänzt mit den sogenannten vier Aktionsfeldern von LEADER.

  1. Steigerung der Wertschöpfung
  2. Festigung oder nachhaltige Weiterentwicklung der natürlichen Ressourcen und des kulturellen Erbes
  3. Stärkung der für das Gemeinwohl wichtigen Strukturen und Funktionen
  4. Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel

Aktionsfeld vier wurde erst in der aktuellen Förderperiode seit 2023 hinzugefügt. Es soll den Regionen mehr Möglichkeiten geben sich mit den Themen der Klimakrise zu beschäftigen. Unter dem Strich können im Rahmen der vier Aktionsfelder verschiedenste Ansätze verfolgt werden. Entsprechend der Aktionsfelder sind auch die lokalen Entwicklungsstrategien thematisch oft breit verfasst. Dies ist auch für die Region Elsbeere Wienerwald feststellbar. Die wissenschaftliche Literatur macht jedoch klar, dass es ein übergeordnetes Ziel und eine thematische Fokussierung braucht, um erfolgreich transformieren zu können. Hinzu kommt, dass die aktuellen Ziele nur teilweise Fragen zu sozialen und ökologischen Veränderungen in Betracht ziehen. Aus dem Blickwinkel der sozialökologischen Transformation ist LEADER damit aktuell ein Förderprogramm ohne klares Ziel und bietet damit auch keine klaren Leitlinien für Veränderung.

Weiteres Verbesserungspotential für das Programm liegt im Abbau der Bürokratie und bei der Kombination mit anderen Förderprogrammen. Die Bürokratie ist insbesondere ein großes Hemmnis für private Projektträger mit wenigen Ressourcen für die Förderabwicklung. Problem ist, dass es aktuell zu viele Kontrollstellen gibt und diese sich gegenseitig bei den Anforderungen überbieten. Im Bereich der verschiedenen Förderprogramme ist mehr Kooperation bzw. Zusammenlegung sinnvoll. Die Region Elsbeere Wienerwald ist dabei ein Vorbild mit der engen Kooperation zwischen LEADER und der Klima- und Energiemodellregion. Die beiden Regionen haben hier die gleiche geographische Ausdehnung, was die Kooperation erleichtert.

Wer kann was umsetzen?

Nach der Analyse welche Veränderungen inhaltlich notwendig wären, stellt sich natürlich die Frage wer verändern kann und welche Zeitpunkte sich anbieten. Die folgende Abbildung beinhaltet fünf mögliche Varianten zur Transformation von LEADER.

Die naheliegendste, aber gleichzeitig unwahrscheinlichste Variante ist, dass LEADER von der EU selbst grundlegend in Richtung von regionalen Transformationsagenturen verändert wird. Es ist unwahrscheinlich, da die EU den Mitgliedsstaaten hier grundsätzlich viele Freiheiten lässt, sich die Herausforderungen der ländlichen Entwicklung in der EU stark unterscheiden und die politische Debatte momentan in eine andere Richtung geht.

Variante zwei beschreibt eine Notlösung für den Fall, dass die EU das LEADER-Programm vollkommen einstellt. Der Bund könnte diese Situation nutzen, die Struktur übernehmen und mit neuen Zielen versehen.

Die Varianten drei und vier beschreiben Varianten der Veränderung auf Bundesebene innerhalb der EU-Rahmenbedingungen. Innerhalb der GAP-Strategie hätte Österreich genügend Freiheiten, um die Rahmenbedingungen für regionale Transformationsagenturen zu setzen. Für die finanzielle Ausstattung ist die Frage, ob es zusätzliche Mittel für das Programm geben würde oder nicht. Die aktuellen Fördersummen der EU sind sehr begrenzt, wenn damit transformative Prozesse angestoßen werden sollen.

Variante fünf betrachtet die Möglichkeiten, welche die Regionen selbst haben, unabhängig von Veränderungen auf höherliegenden Ebenen. Die Regionen haben im Rahmen ihrer lokalen Entwicklungsstrategien einige Möglichkeiten. Die gegeben Aktionsfelder schränken die Möglichkeiten jedoch etwas ein, insbesondere da die Regionen jedenfalls in den Aktionsfeldern eins bis drei aktiv sein müssen. 

Zeitlich ist bei allen Varianten die Zeit vor einer neuen Periode entscheidend. In einer laufenden Periode wird es zu keinen grundlegenden Veränderungen kommen. Wenn LEADER einen Beitrag zur Erreichung der Klimakrise beitragen soll, dann sollten die Veränderungen zur Förderperiode ab 2028 passieren. 

Zusammenfassung und Ausblick:

LEADER ist geeignet um als Treiber von regionalen Transformationsprozessen zu fungieren. Der ländliche Raum braucht bei der Transformation Unterstützung, da es sowohl an Ressourcen als auch am politischen Willen mangelt. Ausgestattet mit einem klaren Auftrag könnten die lokalen Managementstrukturen der LEADER-Regionen diese Unterstützung leisten. Das Ausmaß der Unterstützung ist dabei abhängig von der finanziellen Ausgestaltung. Abgesehen von den finanziellen Mitteln ist auch die regionale Einigkeit zur Transformation von hoher Relevanz. Die Regionen sollten sich eine eigene Agenda geben und diese braucht die Unterstützung von wichtigen Stakeholdern inklusive der lokalen Politik. Die Hoffnung ist, dass sich ähnliche Effekte einstellen, wie bei diversen Klimaräten. Diese Formate haben gezeigt, wenn Menschen eigenverantwortlich nach Lösungen für Fragen der Transformation suchen, ist es wahrscheinlicher, dass weitreichende Maßnahmen unterstützt werden. Insgesamt ist es möglich, dass LEADER-Regionen als regionale Transformationsagenturen agieren und damit einen wichtigen Beitrag zum Umgang mit der Klimakrise leisten. Es gibt dabei Möglichkeiten zur Veränderung auf den verschiedenen politischen Ebenen. Allein der Wille fehlt (noch) …

24.03.2026 • aktualisiert am 04.04.2026