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Kultur im Wiener Flur

Reallabor testet die 15-Minuten-Stadt


Es wird bald dunkel am Wiener Stadtrand. Leute tummeln sich vor einem roten Wagen, der in der Liesinger Siedlung steht. Der Film fängt gleich an und Sessel werden entstapelt, gerückt und auf die Leinwand ausgerichtet, die sich heute im Wiener Flur – eine Wohnanlage im Süden Wiens - befindet. Bald sind alle Sitzplätze belegt und die Sessel aus. Aber die Besucher*innen des VolxKino sind vorbereitet, breiten Picknickdecken auf der Wiese aus und machen es sich mit Getränk und Snack gemütlich. Wem was fehlt, darf sich am Raum_Wagen bedienen – es gibt Popcorn. Kinder werfen einen Blick in den Wagen, streifen hindurch und versuchen über die Theke hinauszuschauen. Die Filmkomödie „Zwei zu Eins“ beginnt. Kollektives Lachen von mehr als hundert Menschen hallt bei lustigen Szenen zwischen den Wohnbauten. Spaziergänger*innen bleiben ab und an stehen, um ein paar Szenen mitzubekommen oder sich zu erkundigen, was hier los ist. Ein gebührender Einstand für einen Ort, der im Sommer 2025 fünf Wochen lang als Treffpunkt und Aktivitätsort diente und gleichzeitig wichtige Erkenntnisse für das europäische Forschungsprojekt DREAMS lieferte.

In diesem Projekt wurde in einem Reallabor getestet, inwieweit ein neues kulturelles und soziales Angebot die Mobilität der Menschen verändert. Reallabore sind ein innovativer Forschungsansatz, bei dem Wissenschaft und Gesellschaft gemeinsam an nachhaltigen Lösungen für Herausforderungen arbeiten und ein direkter Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis stattfindet [1]. Hier wird das Grätzl zur Testumgebung, in der neue Konzepte ausprobiert werden können und der Frage nachgegangen wird, wie Mobilität und kulturelles Angebot zusammenhängen: Das Kino vor der Haustür erspart einem die Anreise mit dem Auto in der Shopping City Süd? Bei einem Kaffee im Raum_Wagen lernt man Nachbar*innen kennen und geht dann wieder ein paar Schritte nach Hause? Der Yogakurs in der Nachbarschaft, spart die Fahrt in ein Studio ein, das sich in einem anderen Grätzl befindet? Kürzere Wege, weniger Emissionen, mehr soziale Teilhabe. Soweit ist das die Theorie. Die wissenschaftliche Theorie sagt auch, dass in der der 15-Minuten-Stadt alles Wichtige für den Alltag – Einkauf, Cafés, Bildung etc.- innerhalb von 15 Minuten mit Fahrrad oder zu Fuß zu erreichen ist. Das Ziel ist kürzere Wege, weniger Auto und mehr Lebensqualität. Nutzungsmischung und eine gute Fuß- und Radinfrastruktur sind wichtige Pfeiler [2]. Während in dichten, städtischen Gebieten das häufig schon der Fall ist, sieht es am Stadtrand anders aus. Weniger Angebot, geringere Einwohner*innendichte und längere Wege – vor allem mit dem Auto. Die Autoabhängigkeit nimmt vom Zentrum bis zum Rand deutlich zu [3]. 

Abschluss im Raum_Wagen – fünf Wochen gehen zu Ende.
Der Wiener Flur und das Grätzl Siebenhirten sind dabei ein spannendes Testfeld. Der Stadtrand wird vor allem durch die administrative Grenze zu Niederösterreich spürbar. Hier endet auch die U-Bahn Linie U6. Das Gebiet ist sehr heterogen: Gewerbliche Nutzungen wechseln sich mit Mehrfamilien- und Einfamilienhäusern ab. Der alte Ortskern Siebenhirten ist als solcher erkennbar, bietet aber nur wenig Angebot, manche Erdgeschosslokale stehen leer.

Mit den Öffis kommt man schnell ins Stadtzentrum, während die öffentlichen Verkehrsverbindungen zwischen den Außenrandbezirken und nach Niederösterreich noch Ausbaupotenziale haben. Ein spannender und abwechslungsreicher Ort, der für das Forschungsprojekt viele Anknüpfungspunkte bietet.

Ein Forschungsteam der BOKU und der TU Wien (Forschungsbereich MOVE) sowie dem Planungsbüro stadtland hat daher das 15-Minuten-Stadt-Konzept aufgriffen und als Reallabor in den Wiener Flur gebracht. Dabei ging es nicht darum Verkehrsangebot maßgeblich zu verändern, sondern einen Ort einzurichten, der Bedürfnisse der Bewohner*innen abdeckt. Neben Kino, gab es Yoga, Graffiti- und Zirkus-Workshops, Fahrrad-Reparatur, Gitarren Konzert. Und jeden Mittwoch ein Grätzl Café.

Der Raum_Wagen ist dabei der Ankerpunkt – ein roter Blickfang zwischen Gemeindebau, Supermarkt und Gärtnerei am Rande der Wiener Flur Siedlung in Siebenhirten. Der Wagen kam aus Neulengbach mit dem Traktor in einem gemütlichen Tempo. Ein paar Parkplätze wurden freigehalten und wie es meistens mit Parkplätzen ist, werde diese oft als unentbehrlich angesehen.

Aber nicht in diesem Fall, da das attraktive Angebot die fehlenden Parkplätze wettmachte. Pflanzen wachsen an der Seite des Wagens, kleine Lichterketten hängen davor und auf der Kreidetafel werden die nächsten Wochen die Aktivitäten angekündigt, die kostenfrei für alle angeboten werden. Es kommen zahlreiche Kinder aus der Nachbarschaft zum Zirkusnachmittag. Sie zeichnen mit Kreide am Boden, lernen Jonglieren und „Diavolo“. Ihre Eltern trinken derweilen Kaffee und unterhalten sich oder tauschen sich mit dem Projektteam über das Leben im Wiener Flur aus.

Menschen holen ihre Fahrräder aus dem Keller und schieben sie zu unserem Experten, der Bremsen justiert und Reifen aufpumpt. Menschen bleiben spontan stehen, als sie die Gitarrenmusik hören und setzen sich zu den anderen dazu. Das alles im öffentlichen Raum, wo vorher nichts war und plötzlich einiges los ist.

Raum_Wagen im Wiener Flur während des Grätz Cafés
Der Raum_Wagen ist auch für alle offen: In Kooperation mit morgenjungs und der Website imGrätzl.at war es möglich den Wagen für eigene Veranstaltungen kostenfrei anzumieten. So entstand ein Nachbarschaftsessen, organisiert von einer Bewohnerin des Wiener Flur für Freund*innen und Bekannte, aber jede*r war willkommen und durfte sich dazusetzen, mitessen und Zeit dort verbringen. imGrätzl.at ist eine Online-Plattform, die lokale Selbstständige, Kleinstunternehmen, Vereine und Kulturschaffende in ihren Stadtteilen vernetzt. Die Plattform macht die Vielfalt in den Grätzeln sichtbar und fördert neue Formen der Zusammenarbeit. Über 10.000 lokale Macher*innen nutzen bereits Services wie den Raumteiler zum Teilen von Flächen und Räumen [4].

Fünf Wochen Präsenz waren wahrscheinlich zu kurz, um die Bekanntheit zu erlangen, die Menschen ermutigt hätte sich diesen Ort weiter anzueignen. Es braucht Zeit und Vertrauen bis Menschen öffentliche Räume nach ihren Bedürfnissen gestalten und nutzen. Ob durch den Raum_Wagen als Ort, selbstorganisierte Veranstaltungen, temporäre Sitzgelegenheiten oder kulturelle Interventionen – Raumaneignung verwandelt anonyme Plätze in lebendige Begegnungsorte und spielt eine wichtige Rolle für den sozialen Zusammenhalt [5].

Während der fünf Wochen wurden Befragungen zur Attraktivität der Veranstaltungen und auch zur eigenen Mobilität realisiert. Es wurde deutlich, dass das Angebot sehr positiv bewertet wurde - insbesondere die Atmosphäre und Aufenthaltsqualität. Auch die persönlichen Gespräche mit Bewohner*innen waren durchweg positiv. Neugier, Begeisterung und Lust auf mehr: Viele äußerten den Wunsch nach einer dauerhafteren kulturellen und sozialen Infrastruktur im Grätzl.

Aber was bedeutet das für unsere 15-Minuten-Stadt am Stadtrand? Die Befragung konnte Hinweise darauf geben, dass, wenn Menschen andere Orte für Kaffee, Kino, Fahrrad Reparatur etc. aufgesucht hätten, sie mehr Zeit und längere Strecken in Kauf genommen hätten bzw. in Kauf hätten nehmen müssen. Aufgrund der Nähe sind die meisten Besucher*innen zu Fuß gekommen, das schafft Sichtbarkeit und Frequenz im Grätzl. Der Weg selbst wird Teil des Erlebnisses – entspannt, gesund und klimafreundlich.

Der erste Abend geht zu Ende und die Kinoleinwand wird dunkel. Viele Besucher*innen gehen zurück in ihre Wohnungen oder Richtung U-Bahn, um in andere Heimatbezirke zu fahren. Sessel werden wieder gestapelt und verladen und die Leinwand wird abgebaut. Eine Popcornspur im Gras bleibt. Das VolxKino zieht in ein anderes Grätzl weiter.

Nach fünf Wochen Reallabor werden fast 300 Menschen den Raum_Wagen und die angedockten Veranstaltungen besucht haben. Und was bleibt? Das Forschungsprojekt läuft noch bis Ende 2026.Aktuell werden Daten analysiert und über eine Weiterführung reflektiert. Den Bedarf gibt es bestimmt. Die Frage ist, was von der lokalen Bevölkerung, vom Bezirk, Vereinen etc. aufgegriffen und weitergetragen wird.

[1] Schneidewind, Uwe, and Hanna Scheck. "Die Stadt als „Reallabor “für Systeminnovationen." Soziale innovation und Nachhaltigkeit: Perspektiven sozialen wandels. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden, 2013. 229-248.

[2] Moreno, C., Allam, Z., Chabaud, D., Gall, C., Pratlong, F., 2022. Introducing the “15-minute city”: Sustainability, resilience and place identity in future post-pandemic cities. Cities, 102, pp.103–112.

[3] https://vcoe.at/presse/presseaussendungen/detail/vcoe-unterschiede-zwischen-stadt-und-land-bei-autobesitz-so-gross-wie-noch-nie, aufgerufen am 4.2.2026

[4] https://www.imgraetzl.at/region/raumteiler, aufgerufen am 4.2.2026

[5] Klamt, M. (2025). Öffentliche Räume. In: Eckardt, F. (eds) Handbuch Stadtsoziologie. Springer VS, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-42419-0_21-1

veröffentlicht am 23.02.2026

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