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Kreislaufwirtschaft am „3er-Hof“

Der Biobauernhof „3er-Hof“

Ein Bauernhof steht grundsätzlich für Kreislaufwirtschaft, wie sie natürlicher und simpler nicht sein könnte. Erntereste oder Mist von den Hoftieren bringen Nährstoffe in den Boden, welche wiederum diesen (vereinfacht gesagt) so versorgen, dass dort Früchte wachsen können wie beispielsweise Getreide, welches wieder von den Tieren gefressen wird. Was unverdaulich ist, landet wieder im Mist, und gelangt durch die organische Düngung (so wird der Nährstoffeintrag mit zum Beispiel Stallmist genannt) wieder in den Boden.

Findet Kreislaufwirtschaft auf jedem Bauernhof statt?

Leider nicht mehr. Wie man in sämtlichen Weltanschauungen feststellen kann, bringt der technische Fortschritt und die Industrialisierung neben Freiheit, Reichtum und unbegrenzten Möglichkeiten, auch Schattenseiten mit sich. Das Phänomen, dass Naturschutz und ein Leben im Einklang mit der Natur vor der Industrialisierung in gewisser Hinsicht „automatisch“ gelebt wurde, ist auch auf die Landwirtschaft umzulegen. Durch größeren Wissensschatz und Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Natur und strengeren gesetzlichen Bestimmungen, entwickelt sich die Agrarwirtschaft auch im industriellen Bereich langsam in eine ökologischere Wirtschaftsweise, auch wenn die Ansätze hierfür unterschiedlich sind. Humusaufbau und die dauerhafte Begrünung (=Bepflanzung) von Ackerflächen sind und werden unabdingbar, um resilient gegen zunehmende Wetterkapriolen (Stürme, Hagel, Dürre, Überschwemmungen) zu werden. Ohne Agrarförderungen würden die ständig steigenden Produktionskosten, die Abhängigkeit von Weltmarktpreisen und die Mehrkosten insbesondere in der ökologischen, regenerativen Landwirtschaft nicht funktionieren, selbst subventioniert ist dies eine Herausforderung für die Bäuer:innen, da sich die Erlöse immer am Weltmarkt orientieren, und die Produktion in Österreich aufgrund der kleinstrukturierten Flächen nicht zu Weltmarktpreisen möglich ist.

Dies soll kein nostalgischer Beitrag zu „früher war alles besser“ werden, schließlich sind wir froh, mittlerweile Vorschriften zu haben, welche die Umwelt schützen. Die strengen Umweltauflagen spüren wir als Betreiber einer Kompostanlage deutlich, aber dazu später mehr.

Was in Bezug auf die generelle Kreislaufwirtschaft in der Landwirtschaft noch ein Punkt ist: Die Globalisierung brachte den bäuerlichen Betrieben große Möglichkeiten, wie den Einsatz von Mineraldüngern. Dieser ist plakativ für die Diskussion über Regionalität, Nachhaltigkeit und das Wirtschaften im Kreislauf am Landwirtschaftsbetrieb. Diese Form des Düngemittels wird irgendwo in der Welt hergestellt, die Recherche zu einem lokalen Düngehersteller gibt keinen Aufschluss über die Herkunft. Phosphor ist einer der wichtigsten Parameter in der Düngung, chemisch erzeugt wird dieser durch den Abbau von Rohphosphat zum Beispiel in Afrika gewonnen. Es wird also eine Menge Energie verbraucht, bis dieser Dünger schließlich auf den heimischen Feldern landet. Abgesehen davon liegt die Wertschöpfung bei Mineraldünger jedenfalls nicht am eigenen Betrieb.

Die drei Säulen der Nachhaltigkeit

Kreislaufwirtschaft hat nicht nur einen ökologischen Aspekt, indem hohe Energieaufwände, Transportwege und der Einsatz von Chemikalien eingespart werden, sondern auch einen ökonomischen. Im Sinne der drei Säulen der Nachhaltigkeit, schließen wir neben Ökologie und Ökonomie, auch das Soziale mit ein. Seit Generationen setzen Bäuer:innen weltweit auf Modernisierung  und freuen sich über verfügbare Betriebsmittel wie den bereits angesprochenen Mineraldünger. Gleichzeitig geben sie dadurch ihre Selbstermächtigung ab: Sie machen sich abhängig von der Verfügbarkeit im lang- und kurzfristigen Sinne (ist das Düngemittel gerade erhältlich, sind Rohstoffressourcen irgendwann aufgebraucht?) und im Umkehrschluss als Konsequenz von Angebot und Nachfrage, auch vom Preis. Dies wurde durch die gestiegenen Erdgaspreise in der Coronakrise spürbar, denn infolgedessen stiegen die Preise von chemisch erzeugten Düngemitteln im Jahr 2021 unter anderem um achtzig Prozent an. Zum Schutz der eigenen bäuerlichen Zukunft und der gesellschaftlichen Auswirkungen des Fehlens regionaler Landwirtschaft ist es daher zu hinterfragen, ob sich solche Abhängigkeiten lohnen. Weder ökologisch, noch ökonomisch, noch sozial gesehen, stellt dieses Beispiel einen sicheren, zukunftsfähigen und verantwortungsvollen Weg für bäuerliche Betriebe dar.

Bäuerliche Kompostierung als Zukunftsweg

Der „3er-Hof“ wird seit den 1990ern biologisch bewirtschaftet, in dieser Zeit wurde auch die kommunale Kompostierungsanlage am Betrieb errichtet. Die Betriebsführer:innen Eva und Toni Hieret spürten in sich ein Streben nach neuen, innovativen Wegen und darüber hinaus nach einer Land-Wirtschaft, die der Natur nicht nur „nimmt“, sondern auch „gibt“. Eine ursprüngliche Idee von Landwirtschaft ist nicht, die Natur auszubeuten, wie es heutzutage von Umweltschützern kritisiert wird. Landwirtschaft bedeutet die Kultivierung, das heißt, etwas höherwertig zu gestalten, die Natur so zu unterstützen, dass darin Lebensmittel wachsen können. Heute stehen sich die Anschauungen von ökologischer Landwirtschaft als präservative Bewirtschaftungsmethode und die konventionelle Landwirtschaft als Ernährer:in der Weltbevölkerung in einem Spannungsfeld gegenüber. Die Worte des Dozenten, welcher die Einführungsveranstaltung meines Studiums Agrarmanagement abhielt, habe ich noch im Ohr: Er teilte uns mit, dass die biologische Landwirtschaft die Welt realistischerweise nicht ernähren könne. Es läge in unserer Verantwortung, qualitativ und quantitativ Lebensmittel herzustellen, die der steigernden Weltbevölkerung gerecht würden. Dieser Denkansatz schließt leider den Aspekt aus, dass es ohne einen regenerativen Ansatz in der Landwirtschaft möglicherweise in einigen Generationen keine fruchtbaren Böden mehr zu bewirtschaften gibt.

Im Biolandbau ist chemisch-synthetischer Dünger nicht zugelassen. Daher muss auf Wirtschafsdünger wie Stallmist oder Kompost zurückgegriffen werden. Kompost bietet den Vorteil, dass die Nährstoffe darin gespeichert und vor Auswaschung geschützt werden. Bei Bedarf kann die Pflanze auf die benötigten Stoffe zugreifen. Die Kompostierung am „3er-Hof“ unterteilt sich in zwei Produktionslinien: die kommunale Kompostierung und die landwirtschaftliche Kompostierung. Sowohl die Ausgangsstoffe als auch der rechtliche Rahmen unterscheiden sich hier maßgeblich. Landwirtschaftlich kompostieren kann jede:r Landwirt:in, es kann zum Beispiel Stallmist unter der Einhaltung gewisser Regeln kompostiert werden. Die kommunale Kompostierung, sprich die Kompostierung von Biomüll, darf nur auf behördlich genehmigten Abfallverwertungsanlagen erfolgen. Dazu ist die Einhaltung von Richtlinien aus Naturschutz, dem Luftreinhaltegesetz und dem Gewässerschutz erforderlich. Diese werden regelmäßig behördlich überprüft. Zudem wird der Kompost labordiagnostisch getestet, um die Zertifizierung der höchsten Qualitätsstufe, dem A+ Kompost, der für den Biolandbau zugelassen ist, nachzuweisen.

Kommunale Kompostierung

Im Bezirk St. Pölten Land wird der kommunale Biomüll in sechs Anlagen dezentral kompostiert, dadurch ergeben sich kurze Transportwege und die enthaltenen Nährstoffe bleiben in der Region, wo sie anfallen. Deshalb ist die dezentrale Kompostierung im Gegensatz zur zentralen Kompostierung, bei der im schlimmsten Fall der gesamte Biomüll an nur einem Ort im Bundesland verarbeitet wird, im Sinne der Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft, von großem Vorteil.  Am „3er-Hof“ wird der Biomüll von Maria Anzbach, Neulengbach und Asperhofen kompostiert.  Dieser wird im 2-Wochen-Rhythmus angeliefert und direkt kompostiert. Der Kompostierungsprozess läuft an 365 Tagen im Jahr. Der Biomüll wird angeliefert, direkt danach startet der erste Aussortierungsdurchgang von Fremdstoffen wie Plastik und Restmüll. Dieser wird händisch aus dem frischen Müll entfernt. Erst danach wird der Biomüll auf so genannte Mieten gelegt, das sind dreiecksförmige Reihen. Dort findet unter der Zugabe von lehmiger Erde und holzigem Schreddermaterial die Heißrotte-Kompostierung statt, durch Temperaturen um 60-65 Grad werden Schadstoffe abgetötet. Die Ausgangsstoffe werden von Mikroben zersetzt und umgewandelt. In einem ausbalancierten Kompostierungsprozess ist es am wichtigsten, auf die Sauerstoffzufuhr zu achten, was durch regelmäßiges Wenden und insbesondere Bewässern der Mieten bewerkstelligt wird. Auch ist darauf zu achten, dass die Temperatur nicht zu hoch ansteigt, da dann die gewünschten Mikroben absterben. Nach rund 8 Wochen ist die Heißrottephase abgeschlossen, das erkennt man an einem Temperaturabfall. Danach startet die Nachrottephase und schließlich ist der Kompost fertig.

Dass Kompost ein Jahr abliegen muss, um fertig gereift zu sein, ist beim korrekten Anwenden der Heißrottekompostierung beziehungsweise dem CMC (controlled microbial composting)-Verfahren, welches die Kompostpioniere Angela Lübke und Urs Hildebrandt und deren Vorfahren entwickelten, ein Mythos. Jedoch gilt es zu beachten, dass es verschiedenste Verfahren zur Herstellung von Kompost gibt.

Am „3er-Hof“ wird seit einigen Jahren zum Thema „Impfkompost“ nach Stefan Lehmann geforscht, einem Verfahren, bei dem der Kompost händisch aufgesetzt wird und verschiedenste Kompostierungsverfahren vereint zur Anwendung kommen. Die Essenz wird verwendet, um sowohl den Mist, den frisch angelieferten Biomüll, aber auch die Felder, das Saat- und Erntegut zu beimpfen, sodass ein vielfältiges Mikrobiom in der Umwelt gefördert werden kann. Mit diesem kleinen, aber wirkungsvollen Hebel kann ein großer Beitrag zur Biodiversität geleistet werden.

Bei der landwirtschaftlichen Kompostierung am „3er-Hof“ wird vorwiegend hofeigener Schaf- und Pferdemist kompostiert. Daraus entsteht der „Biogartenkompost“ – ein hundert Prozent störstofffreier Kompost. Dieser wird mit besonderer Hingabe hergestellt – es wird dafür zusätzlich siliertes Gras/Grüngetreide mitkompostiert. Nach der Heißrottephase werden Steinmehle und Ryolith in die Mieten eingearbeitet, um die Eigenschaftes des Komposts zu verbessern.

Zurück zu den Störstoffen im Biomüllkompost. Wie bereits erwähnt, werden Störstoffe gleich vor dem Aufsetzen des Mülls auf Mieten bestmöglich händisch entfernt. Nach jeder Durchfahrt des Kompostwenders durch die Dreiecksmiete, werden die Fremdpartikel erneut händisch entfernt. Das ist keine schöne Arbeit: Abgesehen davon, mit dem Biomüll auf „Tuchfühlung“ zu gehen, geht diese Tätigkeit auch sehr auf den Rücken.

Bevor der Kompost auf den Feldern ausgebracht oder verkauft wird, läuft er durch eine Trommelsiebmaschine, um einerseits eine feinkrümelige Struktur zu erreichen, und andererseits die letzten Fremdstoffe zu entfernen. Das verbliebene kleinteilige Plastik wird abgesaugt, zudem werden auch Metalle mittels Magnetabscheider aussortiert.

Bei der Abholung der Biomistkübel, kann die Müllabfuhr die Behälter kontrollieren. Sind darin Störstoffe zu finden, müssen diese stehen gelassen werden. Am effizientesten wirken hier meiner Meinung nach jedoch Strafen für Fehlwürfe, die bisher nicht eingeführt wurden.

Kreislaufwirtschaft als Gesamtkonzept

Weitere Maßnahmen zur Kreislaufwirtschaft finden sich am „3er-Hof“ auch in vielen kleinen Details: Die Schafe werden geschoren, aus der Wolle werden Schafwollpellets gepresst, die wiederum als wertvoller Dünger im Gemüsebeet Anwendung finden. Etwas weiter gedacht kann die Kreislaufwirtschaft auch so ausgelegt werden, dass am Betrieb Bemühungen bestehen, auch im kleinsten Rahmen Wertvolles zu veredeln wie zum Beispiel durch das Sammeln und Trocknen von Kräutern für Tees und Kräutersalz, durch das Verarbeiten von Obst in Fruchtaufstriche und Säfte. Das Bestreben, die am Hof erzeugten Urprodukte wie Mais oder Dinkel möglichst wertschöpfend weiter zu verarbeiten, führt auch dazu, dass im Selbstbedienungs-Hofladen am Betrieb auch Bio-Nudeln und Bio-Maisstangerln angeboten werden können, die in Partnerbetrieben verarbeitet werden. Der Green Care Partner, der am Hof eingemietet ist (Backstube „Brotgenuss“ von Jugend am Werk), ist ebenfalls bestrebt, das Bio-Getreide vom Hof als Mehlquelle zu beziehen, und es werden auch die Bio-Eier aus dem Hofstall verarbeitet. Die frisch gebackenen Weckerl werden wiederum vom „3er-Hof“ aus der Backstube erworben, um bei Schule am Bauernhof-Workshops und Feriencamps hofeigenes Gebäck zur Verfügung zu stellen.

Zusammenfassend macht Kreislaufwirtschaft große Freude und Sinn, macht unabhängig und ist eine schöne Aufgabe der Zukunftsgestaltung, die Nachhaltigkeit verspricht. Kompostierung im speziellen ist eine zufriedenstellende Sache, da man tagtäglich durch die Abfallentsorgung eine systemrelevante Tätigkeit erfüllt und aus streng riechendem Müll beziehungsweise Mist fruchtbare Komposterde entstehen lässt. Die Beziehung von Wachstum und Vergänglichkeit wird hierdurch sehr bedeutsam.

Hinter die Kulissen der Kompostierung blicken?

EXKURSION

Freitag, 24.04.2026, 15:00 bis 17:00, Kreislaufwirtschaft am 3er Hof - Biomüll, Kompostierung, Erde - Verena Hieret, Hof 3, 3034 Maria Anzbach, Anmeldung Michaela Schmitz +43 660 125 81 20 

Auf Youtube, facebook und instagram sind informative Beiträge zur Kompostierung am 3er-Hof zu finden:

Kompostieren am 3er Hof ---> facebook

Kompostieren am 3er Hof ---> instagram

Unsere Kooperation zum Reinhören

Wir in Neulengbach - der win-win Podcast für die Region


Folge 104 - Verena Hieret vom 3er Hof

Kreislaufwirtschaft am 3er-Hof: Verena Hieret über Kompost, Green Care und gelebte Landwirtschaft

Diese Folge ist Teil 2 unserer Serie zu Kreislaufwirtschaft in Kooperation mit der Elsbeere-Zeitschrift

Verena Hieret ist am 3er-Hof in Maria Anzbach aufgewachsen und führt den über 100 Jahre alten Familienbetrieb in die nächste Generation. Der Biohof verbindet Landwirtschaft mit Kreislaufwirtschaft, Kompostierung und sozialen Angeboten.

Ein zentrales Thema ist die Kompostierung: Neben dem Mist der eigenen Tiere wird auch Biomüll aus der Region verarbeitet – daraus entstehen hochwertige Komposterden für Hof und Garten.

Als zertifizierter Green Care Betrieb bietet der 3er-Hof außerdem Hofführungen, Workshops und tiergestützte Interventionen an und schafft so wertvolle Begegnungen zwischen Mensch, Tier und Natur – besonders für Kinder.

Verenas Win-Win-Deal: Sie öffnet die Hoftore für die Region, macht Landwirtschaft erlebbar und stärkt das Bewusstsein für nachhaltige Kreisläufe – von der richtigen Mülltrennung bis hin zum wertvollen Kompost im eigenen Garten.

Als nächsten Gast schlägt sie Viktoria Tischler vor, die Coaching mit Pferden am 3er-Hof anbietet.

Musik von Nver Avetyan via Pixabay. "Groove of Neulengbach" wurde mit udio.com erstellt. Sound Effekte von SergeQuadrado via Freesound.org und von Pixabay.

Foto 3er-Hof

29.03.2026 • aktualisiert am 09.04.2026