Demokratie & Wirtschaft – zwei ideale Partner
Demokratie und Wirtschaft ist eine sinnvolle Kombination
Meine Erfahrung mit demokratisch Wirtschaften
In Genossenschaften habe ich erlebt, wie Vielfalt und Mitbestimmung die Kreativität und Innovation in einem Unternehmen fördern. Wenn Mitarbeitende, Nutzer*innen und Investierende gemeinsam Verantwortung übernehmen, entstehen neue Lösungen, sinnstiftende Dienstleistungen und nachhaltige Produkte. Aus meinen Erfahrungen habe ich gelernt, demokratische Strukturen müssen klar verankert, regelmäßig geprüft und von Menschen getragen werden, die bereit sind solidarisch und mit gesellschaftlicher Verantwortung zu handeln. Demokratisch Wirtschaften funktioniert nicht automatisch, es kann Herausforderungen geben wie zähe Entscheidungsprozesse, Machtkonzentrationen oder Diffusion der Vision. Warnsignale sollen frühzeitig erkannt werden, um korrigierende Maßnahmen zu setzen.
Warum werden Demokratie und Wirtschaft als Gegensätze gesehen
Der Grundwiderspruch liegt in der Werteorientierung der Entscheider*innen. Während demokratisch organisierte Unternehmen auf gesellschaftlichen Nutzen abzielen und auf Mitbestimmung und Gleichberechtigung setzen verfolgen viele Wirtschaftsunternehmen einzelwirtschaftliche Ziele, streben nach hoher Rentabilität und sind hierarchisch organisiert. Eigentümer*innen die Werte wie Leistung und Macht priorisieren, werden Renditeinteressen in den Vordergrund stellen und Gewinne für Wenige auf Kosten der Allgemeinheit oder der Umwelt maximieren. Entscheider*innen in demokratisch organisierten Unternehmen priorisieren oft Werte wie Nachhaltigkeit und das Wohlergehen aller. Die Mitsprache von Beteiligten wirkt als Korrektiv auf Einzelinteressen. Wirtschaftsunternehmen, die auf Wachstum und Vermögenszuwachs abzielen, werden sich von demokratischen Strukturen daher eher gestört fühlen, während Unternehmen mit gesellschaftlicher Verantwortung demokratische Mitbestimmung brauchen, um ihr ökonomisches Handeln nach sozialen und ökologischen Erfordernissen auszubalancieren.
Was ist eine eingebettete Ökonomie
Mein Blick auf demokratisches Wirtschaften orientiert sich am Modell der eingebetteten Ökonomie. Es geht darum, wirtschaftliche Aktivität innerhalb sozialer Standards und planetarer Grenzen zu verankern. Die Donut-Ökonomie der britischen Wirtschaftswissenschaftlerin Kate Raworth zeigt, wir brauchen ein soziales Fundament und zugleich eine ökologische Decke. Innerhalb dieser Grenzen wird der sichere und gerechte Raum verortet, in dem die Fragen nach sinnvollem Konsum, erneuerbaren Ressourcen und Verteilungsgerechtigkeit behandelt werden. Städte wie Amsterdam, Brüssel oder Kopenhagen wenden dieses Modell für sich an, um die Zukunftsfähigkeit zu stärken und den aktuellen Krisen entgegenzuwirken.
Wofür demokratisches Wirtschaften steht
Demokratisches Wirtschaften in der Rechtsform umsetzen
Oder ein großes weltweit organisiertes Industrieunternehmen wie Mondragon Corporation für Maschinenbau, Einzelhandel, Bildung u.a.m. mit Sitz im spanischen Baskenland. https://www.mondragon-corporation.com (27.09.2026 um 17:55)
Demokratisch Wirtschaften in der Organisationsform umsetzen
- Soziokratie (socius = Gefährten) legt den Fokus auf das gemeinsame Entscheiden und die Gleichwertigkeit der Stimmen. Die Basis ist eine Kreisstruktur, die über gewählte Vertreter*innen durch Doppelbindung miteinander verknüpft sind. Entscheidungen werden im Konsent getroffen, wenn niemand einen begründeten Einwand hat. Innerhalb der Kreise werden eigene Entscheidungen innerhalb des Verantwortungsbereiches getroffen. Übergeordnete Kreise koordinieren die Bereiche, setzen strategische Ziele fest und treffen grundlegende Entscheidungen. Ein Top-Kreis stellt Verbindungen nach außen her und unterstützt dabei, externe Interessen von Stakeholdern mit einzubinden. https://soziokratiezentrum.org/ueber-soziokratie/grundlagen-der-soziokratie-4-basisprinzipien/ (29.09.2026 um 14:05)
- Holokratie (holos = vollständig, ganz) legt den Fokus auf Rollen und Aufgaben, wobei eine Person auch mehrere Rollen innehaben kann. Die Rollen werden in Teams zusammengefasst und die Entscheidungsmacht liegt bei den jeweiligen Rollen. Eine Verfassung regelt und strukturiert die Zusammenarbeit und Prozesse. Die Holokratie ist von der Soziokratie inspiriert und ist ein flexibles Führungsinstrument. Es bildet ebenfalls autonome Teams und jedes Team organisiert seine Arbeit eigenständig. Im obersten Kreis dem sogenannte Ankerkreis wird der Gesamtzweck (Purpose) der Organisation verfolgt. Dieser Kreis bildet die Schnittstelle zu den rechtlichen Befugnissen der Geschäftsführer und Gesellschafter. https://partizipation.at/methoden/holacracy/ (29.09.2026 um 14:25)
Demokratische Systeme brauchen Pflege
Risikobereiche und Gegenmaßnahmen
Schwerfälligkeit und Verkrustung
Demokratische Systeme können unflexibel und schwerfällig werden. Über die Jahre können sich Regeln und formale Prozesse häufen und die Einhaltung kann wichtiger werden als die Lösung von Problemen. Notwendige Neuerungen werden verhindert, um gewonnene Privilegien zu verteidigen. Es können sich Führungseliten herausbilden, die ihre eigenen Interessen verfolgen und für ihren Machterhalt kämpfen. In der Systemtheorie nach Niklas Luhmann, wird dies mit der funktionalen Differenzierung erklärt. Es bilden sich mit der Zeit Subsysteme heraus, die nach ihrer eigenen Logik funktionieren. Systeme sind autopoietisch, das bedeutet sie sind selbstreferenziell und beschäftigen sich mit sich selbst. https://luhmann.ir/wp-content/uploads/2021/07/Einfuhrung-in-die-Systemtheorie.pdf (S. 100 ff am 26.09.2026 um 15:40) Genossenschaften können so Mechanismen hervorbringen, die sinnvolle Weiterentwicklung und notwendige Anpassungen verhindern.
Gegenmaßnahmen:
- Rotationsmechanismen halten lebendig
- regelmäßige Reflexionen lösen Machtkonzentrationen
- Doppelte Kopplung mit Leitung und Delegierte öffnet Perspektiven
- Gewaltentrennung von operativer Arbeit, struktureller Organisation und Aufsicht
Wenn Genossenschaften wirtschaftlich erfolgreich werden, können sie Gefahr laufen, ihre ursprünglichen Werte und demokratischen Prinzipien zu verlieren. Sie werden dann zu dem, was sie ursprünglich vermeiden wollten, zu einem rein profitorientierten Unternehmen. Der Erfolg einer Genossenschaft kann von Funktionären als Verpflichtung zur Kommerzialisierung empfunden werden, um am Markt bestehen zu können. Neue aufgenommene Mitglieder fordern verstärkt Werte wie Leistungsorientierung ein.
Gegenmaßnahmen:
- Verankerung der Gemeinwohlorientierung in der Satzung
- regelmäßige soziale Audits zur Überprüfung der Gemeinwohlziele
- werteorientiertes Onboarding durch Auswahl und Schulung neuer Mitglieder
Genossenschaften können die Stimme an die Höhe der Einlage binden, so wie das auch in der Rechtsform von Kapitalgesellschaften (GmbH, AG) geregelt ist. Die Abstimmungen gelten dann nicht mehr als demokratisch, sondern als plutokratisch. Bei einer Plutokratie hängt die Einflussnahme vom Vermögen und Eigentum ab. Der Wunsch das Vermögen zu mehren, überlagert dann gemeinwohlorientierte Ziele. Eine Herrschaft der Reichen, kann auch indirekt funktionieren indem einflussreiche Personen oder Lobbygruppen Druck auf Entscheidungen oder Entscheidungsträger*innen ausüben. Eine solche Akkumulation von Einfluss kann sich beiläufig im Arbeitsalltag ergeben und dann schleichend verfestigen.
Gegenmaßnahmen:
- Kopfstimme verankern
- Obergrenzen für Einlagen verhindern Machtkonzentrationen
- Vermögensanhäufung und Einflussnahmen unterbinden
- regelmäßige externe Supervisionen etablieren
Persönlichkeitsveränderung durch Macht
Macht und langanhaltender Erfolg kann bei Menschen die Funktionsweise des Gehirns verändern. Während Menschen, die in eine Machtposition geholt werden, meist über soziale Fähigkeiten wie Empathie und Kooperation verfügen, gehen genau diese Eigenschaften verloren. Das Phänomen wurde vom britischen Arzt und Politiker David Owen beschrieben. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/instance/4952940/pdf/428.pdf
(am 27.09.2026 um 14:05) Bei diesem sogenannten Hybris-Syndrom nimmt die Fähigkeit, die Perspektive anderer einzunehmen drastisch ab. Sie konzentrieren sich primär auf ihre Belohnung und fühlen sich weniger an gesellschaftliche und moralische Regeln gebunden. Macht verändert auch das soziale Umfeld und es entstehen Macht-Echokammern. Ohne korrigierendes Feedback entwickeln mächtige Personen eine Illusion einer eigenen Unfehlbarkeit. Das Hybris-Syndrom ist temporär und klingt ab, sobald die Person die Machtposition verliert oder der Erfolg abnimmt.
Gegenmaßnahmen:
- Feedback als Teil des Prozesses implementieren
- Selbstreflexion anregen, da jede und jeder davon betroffen sein kann
- Vertrauen in Akteure mit Augenmaß und begleitender Kontrolle
- Institutionelle Überprüfung finanzieller und strategischer Angelegenheiten
- Ombudsstellen für Menschen die Benachteiligung oder Willkür erleben
Soziokratische Genossenschaft
der Genossenschaft mit den Delegierten aus den soziokratischen Arbeitskreisen verbunden. Um eine Anbindung nach außen zu haben, kann ein Beirat aus unterschiedlichen Stakeholdern gebildet werden. Mitglieder im Beirat sind in der Regel nicht Mitglied der Genossenschaft und haben damit nach dem Genossenschaftsrecht keine Haftungsverpflichtung wie die Organe Aufsichtsrat oder Vorstand. Die soziokratische Kreisorganisationsmethode unterstützt Genossenschaften, Macht auf viele zu verteilen, Transparenz sicherzustellen und lädt dazu ein, Widersprüche zu benennen. Das Modell wird im „Guide zu Genossenschaft und Soziokratie“ näher beschrieben. Die Broschüre wurde im Rahmen eines Förderprojektes der EU Berater*innen für Kooperationsberatung und für Soziokratie erstellt.
https://soziokratiezentrum.org/genso-genossenschaft-soziokratie/linksammlung-genso/ (29.09.2026 18:35)
Mein Fazit
Literatur:
Modell für kooperatives Wirtschaften – Guide zu Genossenschaft & Soziokratie
Förderprojekt kofinanziert von der Europäischen Union, S. 19-32
Gugler Marianne (2016) Gründung einer „neuen“ Genossenschaft, Masterarbeit an der Hochschule München, Studiengang MACD IV - Gemeinwesenenwicklung, Quartiersmanagement und lokale Ökonomie, Kap. 4 Theoretische Modelle, Wertetypen nach Schwartz S. 56-61
Rößl Dietmar (2008) Einzelwirtschaftliche Ziele im Wettstreit mit der gesellschaftlichen Verantwortung. In IGA Internationales Institut für Genossenschaftsforschung im Alpenraum (Hrsg.) Genossenschaftliche Schriftenreihe Band 14, S. 14-24
Strauch Barbara (2022) Soziokratie – Organisationsstrukturen zur Stärkung von Beteiligung und Mitverantwortung des Einzelnen in Unternehmen, Politik und Gesellschaft, 2. Auflage, Verlag Franz Vahlen, München, Kap. 3 S. 33 – 58
Abbildungen:
Abb. 1 Pixabay piro4d-puzzle-1721592_1920
Abb. 2 Donut Ökonomie (23.09.2026 um 14:55) https://pbs.twimg.com/media/Ex3rzyZWEAEev0K?format=jpg&name=large
Abb. 3 Pixabay sandra_schoen-houses-of-parliament-1469583_1920
Abb. 4 Pixabay harishs-community-3245739_1920
Abb. 5 Flip Chart Zeichnung Marianne Gugler