Warum Genossenschaften ein Schlüssel für Kreislaufwirtschaft in der Region sein könnten?
Vom Teilen von Infrastruktur ...
1. Welche Chancen Genossenschaften eröffnen
Genossenschaften sind Ausdruck einer pluralen Wirtschaft. Neben privatwirtschaftlichen und staatlichen Akteuren bilden sie eine dritte Säule. Sie verstehen sich als Teil der Gesellschaft – eingebettet in soziale Beziehungen und natürliche Ressourcengrenzen.
In Kombination mit der Kreislaufwirtschaft rücken sie den Menschen ins Zentrum des Wirtschaftens. Ziel ist nicht Maximierung von Gewinn, sondern ein gutes Leben für alle. Nachhaltige Lebensstile, wirtschaftlicher Gemeinsinn und Verantwortung gegenüber kommenden Generationen werden konkret.
Für Regionen eröffnen sich durch genossenschaftlich organisierte Kreislaufprojekte vielfältige Möglichkeiten:
- bedürfnisgerechte, flexible Angebote vor Ort
- stabile lokale Versorgungsstrukturen
- neue Arbeitsplätze und regionale Wertschöpfung
- bessere Perspektiven für junge und kreative Menschen
- Stärkung des wirtschaftlichen Gemeinsinns – des sogenannten Sozialkapitals
Wenn Bürger*innen selbst zu Mitunternehmer*innen werden, entstehen Identifikation und Bindung. Kapital bleibt in der Region, Entscheidungen werden vor Ort getroffen.
Auch für die einzelnen Menschen bietet die Genossenschaft große Potenziale:
- Sicherheit für mutiges und zukunftsweisendes Handeln im Kreis Gleichgesinnter
- Raum für sinnstiftende und würdevolle Arbeit
- Teilhabe an einer Gemeinschaft mit gemeinsamer Ausrichtung
- Orientierung an universalen Werten und nachhaltigem Lebensstil
- höhere Resilienz in Krisenzeiten
Gerade in Zeiten wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Umbrüche kann die genossenschaftliche Struktur Stabilität bieten – und Innovationen fördern.
Genossenschaften zeigen seit über 150 Jahren, dass wirtschaftlicher Erfolg und gemeinschaftliches Handeln kein Widerspruch sind. Indem Menschen, Unternehmen oder Kommunen Ressourcen, Infrastruktur und Wissen bündeln, können sie regionale Wertschöpfung stärken. Innovation entsteht oft dort, wo Einzelne allein an ihre Grenzen stoßen würden. Gerade in Zeiten knapper Ressourcen und wachsender Unsicherheiten könnte dieses bewährte Modell eine neue Aktualität gewinnen.
2. Was unterscheidet eine Genossenschaft von anderen Unternehmen
Einige zentrale Merkmale von Genossenschaften sind:
- offene Mitgliedschaft und einfache Aufnahme (kein Notariatsakt)
- · demokratische Mitbestimmung („ein Mitglied – eine Stimme“)
- · Förderung der Mitglieder durch gemeinsame Nutzung der Angebote und Ressourcen
- · regionale Verankerung und langfristige Orientierung
- Mitglieder sind Eigentümer:innen, sie sind gleichzeitig Kapitalgeber:innen, Entscheider:innen und Nutzer:innen der Genossenschaft
Mit einer Genossenschaft entsteht ein wirtschaftliches Modell, das Kooperation belohnt statt Konkurrenz. Es ist besonders gut geeignet ist, Ressourcen zu teilen, Wertschöpfung regional zu halten und nachhaltige Projekte umzusetzen. In vielen Bereichen der Kreislaufwirtschaft bietet diese Struktur klare Vorteile: Infrastruktur, Wissen oder Produkte können gemeinsam genutzt, Abfälle reduziert und Materialien mehrfach verwendet werden.
Die Idee der Genossenschaft reicht zurück ins 19. Jahrhundert und entstand als Antwort auf soziale und wirtschaftliche Probleme der Industrialisierung. In Deutschland gründete Friedrich Wilhelm Raiffeisen ländliche Kreditgenossenschaften, um Bauern den Zugang zu Krediten zu ermöglichen, und Hermann Schulze-Delitzsch förderte städtische Produktions- und Konsumgenossenschaften.
Ziel war von Anfang an, Menschen durch gemeinsames Wirtschaften stärker zu machen, Risiken zu teilen und Ressourcen effizient zu nutzen. Dieses Modell verbreitete sich rasch über Europa und wird auch in Österreich vielfach umgesetzt.
3. Wie ist die rechtliche Struktur einer Genossenschaft
Die Generalversammlung besteht aus den Mitgliedern und ist das höchste Organ und zuständig für die grundsätzlichen Entscheidungen. Dazu zählen, die Wahl der Mitglieder des Vorstandes bzw. Aufsichtsrates, Bestätigung des Jahresabschlusses und Entlastung des Vorstandes.
Der Vorstand vertritt die Genossenschaft nach außen und führt die Geschäfte. Der Vorstand kann in Österreich aus einem Mitglied oder mehreren Mitgliedern bestehen. Innerhalb des Vorstandes kann es einen Vorsitz mit Stellvertretung geben oder auch einen Gesamtvorstand ohne Vorsitz. Je nach Erfordernis können auch sachliche Zuständigkeiten vereinbart werden. Sofern ein Mitglied des Vorstandes eine Gewerbeberechtigung besitzt, dann diese auch ohne Anstellungsverhältnis in die Genossenschaft eingebracht werden.
Der Aufsichtsrat hat eine gesetzlich festgelegt kontrollierende Funktion für den Vorstand. Für Österreich gilt, dass eine Genossenschaft ab 40 dauerhaft angestellten Mitarbeitenden einen Aufsichtsrat haben muss.
Die Revision ist eine Art Wirtschaftsprüfung, die vor der Gründung und dann mindestens alle zwei Jahre von einem Genossenschaftsverband zu machen ist.
Die Haftung für die Mitglieder einer Genossenschaft ist beschränkt auf ihre Einlage. Bei Austritt haben sie das Recht ihre Einlage nominal wieder zurückzubekommen. Sie haben keinen Anspruch auf den Wertzuwachs und dies wirkt kapitalneutralisierend und fördert die Stabilität des Unternehmens.
Dieses rechtliche Fundament sorgt dafür, dass Genossenschaften langfristig stabil, transparent und gemeinschaftlich handlungsfähig sind.
4. Wie wird eine Genossenschaft gegründet
Der erste Schritt ist, dass sich mindestens zwei bis drei Gründungsmitglieder zusammenschließen und ihr Konzept entwickeln. Im Vorfeld sollen sie sich ausführlich mit Ihrer Vision und ihrem übergeordneten Ziel beschäftigen, damit die gemeinsame Ausrichtung für alle klar ist. Das schafft eine gute Basis und erleichtert die weitere Entwicklung.
Für das Genossenschaftskonzept sind zum einen Rahmenbedingungen wie Zusammenarbeit, Entscheidungsfindung und Mittelverwendung zu klären und zum anderen die konkreten Angebote und Zielgruppen. Nach diesen grundlegenden Überlegungen kann die Gruppe mit einem Genossenschaftsverband ihrer Wahl Kontakt aufnehmen. Dieser unterstützt sie bei den einzelnen Schritten bis zur Gründungsversammlung und Firmenbucheintragung. Für die Gründung benötigen sie eine Satzung, einen Wirtschaftsplan und die Zustimmung der Aufnahmen in den Revisionsverband.
Sobald die Genossenschaft offiziell besteht, können die Geschäfte aufgenommen werden. Weitere Mitglieder, die diese Idee unterstützen wollen, können mit einem Vorstandsbeschluss und ihrer Einzahlung der Geschäftsanteile in die Genossenschaft eintreten. So können Sie mitarbeiten, gemeinsam in Infrastruktur, Werbung oder Organisation investieren und die Angebote der Genossenschaft nutzen. Gemeinsam entscheiden sie über die Verwendung und Reinvestition der Gewinne bzw. über eine etwaige Verteilung erwirtschafteter Gewinne an die Mitglieder.
Im laufenden Betrieb teilen sich die Mitglieder Aufgaben und Verantwortung: Sie entscheiden über neue Projekte, verwalten gemeinsam die Ressourcen und sorgen dafür, dass die Idee von der Region für die Region lebt und weiterentwickelt wird. Dies ist eine Win-Win-Situation, die sowohl die Gemeinschaft stärkt als auch die ursprüngliche Idee langfristig umsetzt.
5. Welche Beispiele von Genossenschaften für nachhaltiges Wirtschaften gibt es bereits
5.1. OurPower Energiegenossenschaft
– Bürgerinnen und Bürger werden zu Stromproduzenten
Die Geschichte dieser Genossenschaft beginnt mit einer einfachen Frage: Warum sollten Bürgerinnen und Bürger nicht selbst Teil der Energiewende werden?
2018 gründeten 19 Mitglieder in Österreich die Energiegenossenschaft OurPower mit dem Ziel, erneuerbare Energie gemeinschaftlich zu produzieren und zu handeln. Die Plattform bringt Produzenten von Ökostrom – etwa Betreiber von Photovoltaik- oder Windanlagen – direkt mit Verbraucherinnen und Verbrauchern zusammen.
Die Vision: Strom nicht nur zu konsumieren, sondern als gemeinschaftliches Gut zu organisieren. Mitglieder können ihren erneuerbaren Strom innerhalb der Gemeinschaft anbieten und beziehen – ein Schritt zu regionalen Energiekreisläufen.
5.2. UMS EGG eG
- Dorfgenossenschaft für regionale Nahversorgung
Im oberösterreichischen Losenstein entstand eine Genossenschaft aus einem ganz praktischen Problem: Der Ort brauchte einen Nahversorger.
Bürgerinnen und Bürger gründeten daher 2018 die Genossenschaft UMS EGG und betreiben gemeinsam einen Supermarkt. Kund:innen, Lieferant:innen und Mitglieder sind gleichzeitig Eigentümer des Geschäfts und entscheiden gemeinsam über Sortiment und Weiterentwicklung.
Ein großer Teil der Produkte stammt direkt aus der Region, und durch gemeinschaftliche Organisation können lokale Produzenten stärker eingebunden werden. Mitglieder entscheiden gemeinschaftlich über das Sortiment und die weitere Entwicklung. Dabei wird auch Lebensmittelverschwendung wird reduziert – etwa indem überschüssige Produkte eingefroren oder gemeinsam genutzt werden.Die Genossenschaft verbindet lokale Landwirtschaft, Handel und Bürger:innen – ein praktisches Beispiel für regionale Wirtschaftskreisläufe.
Die Dorfgenossenschaft UMS EGG in Oberösterreich betreibt mittlerweile mehrere regionale Nahversorger.
5.3. Alpenland – gemeinnützige Bau-, Wohn- und Siedlungsgenossenschaft
https://www.alpenland.ag/unternehmen
Die Wohnbaugenossenschaft Alpenland Wohnbaugenossenschaft wurde 1949 gegründet und zeigt, dass sich auch im Wohnbau nachhaltige Wege beschreiten lassen. Seit Jahrzehnten errichtet und verwaltet die Genossenschaft Wohnungen in Niederösterreich und Wien und verfolgt dabei zunehmend Konzepte, die auf Energieeffizienz, langlebige Materialien und nachhaltige Quartiersentwicklung setzen. Ziel ist es, den Mitgliedern zu angemessenen Preisen gesunde und familiengerechte Wohnungen zu verschaffen.
Als Genossenschaft gehört das Unternehmen nicht anonymen Investoren, sondern seinen Mitgliedern. Dadurch rückt langfristige Qualität stärker in den Fokus als kurzfristige Rendite. Energieeffiziente Gebäude, nachhaltige Baustoffe und gemeinschaftlich genutzte Infrastruktur tragen dazu bei, Ressourcen zu schonen und Wohnraum dauerhaft leistbar zu halten. So wird der Wohnbau selbst Teil einer Kreislaufwirtschaft, in der Gebäude über Generationen hinweg genutzt und weiterentwickelt werden.
5.4. HarvestMAP - Genossenschaft zur Vermittlung von re:use-Bauteilen eG
Sie fungiert als Plattform für die Vermittlung von wiederverwendbaren Bauteilen und ist Teil der MaterialNomaden. https://www.materialnomaden.at/about/
Jedes Jahr werden bei Umbauten und Abrissen große Mengen an noch brauchbaren Bauteilen entsorgt – von Fenstern über Türen bis zu ganzen Konstruktionselementen. Genau hier setzt die Genossenschaft HarvestMAP an.
Die Idee hinter HarvestMAP ist einfach: Bauteile, die andernorts ausgebaut werden, sollen nicht im Abfall landen, sondern eine neue Verwendung finden. Über eine digitale Plattform bringt die Genossenschaft Anbieter und Interessierte zusammen – etwa Bauunternehmen, Architekturbüros oder Initiativen für nachhaltiges Bauen.
So entsteht ein Marktplatz für wiederverwendbare Baumaterialien und gleichzeitig ein Netzwerk von Menschen, die Bauprozesse neu denken. Statt Ressourcen zu verschwenden, werden vorhandene Materialien weiter genutzt – ein praktisches Beispiel dafür, wie Kreislaufwirtschaft im Bauwesen funktionieren kann.
5.5. Energiegenossenschaft Elsbeere Wienerwald - die Genossenschaft in der Region
https://www.eeg-elsbeerewienerwald.at/
Die Gemeinden der Klima- und Energiemodellregion Elsbeere Wienerwald setzen sich zum Ziel, innerhalb der Region Ökostrom zu produzieren und zum gegenseitigen Nutzen im Rahmen einer Energiegemeinschaft (EEG Elsbeere Wienerwald) auszutauschen.
Ökostrom aus der Region für die Region - Um diese Vorteile den Bürgerinnen und Bürgern der Region zugänglich machen zu können, gründeten die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister der Region die Energiegemeinschaft Elsbeere Wienerwald, die nach einer Testlaufzeit von mehr als einem Jahr, für Alle geöffnet wurde.
6. Fazit: Genossenschaften sind ein Modell für regionale Kreislaufwirtschaft
Sowohl die Kreislaufwirtschaft als auch die Genossenschaft sind zentrale Bausteine einer regenerativen Wirtschaft. Die Kreislaufwirtschaft liefert das ökologische Prinzip – Ressourcen im Umlauf zu halten und natürliche Grenzen zu respektieren. Die Genossenschaft liefert das soziale und organisatorische Fundament – demokratisch, solidarisch und langfristig orientiert.
Entscheidend ist dabei, dass die Genossenschaft als Gemeinschaft stärker ist als die Summe einzelner Interessen. Ihre Ausrichtung, ihre Werte und ihre wirtschaftliche Kraft müssen strukturell verankert sein – in Satzung, Entscheidungsprozessen und regelmäßiger gemeinsamer Reflexion. Nur so bleibt sie lebendig, lernfähig und zukunftsfähig.
Für Regionen eröffnet sich damit eine große Chance: Wirtschaft nicht als abstrakten Marktmechanismus zu begreifen, sondern als gemeinschaftlichen Gestaltungsraum. Eine Kreislaufwirtschaft in genossenschaftlicher Hand kann ökologische Verantwortung, wirtschaftliche Stabilität und sozialen Zusammenhalt miteinander verbinden.
Die Zukunft der Region liegt dann nicht im Wettbewerb aller gegen alle – sondern in der klugen Kooperation vieler für ein gutes Leben für alle.