Demokratie und KI
Wer erklärt der Maschine, was Demokratie ist?
KI lernt von uns
Sprachmodelle lernen aus riesigen Mengen menschlich erzeugter Informationen und werden anschließend durch technische Verfahren und menschliche Entscheidungen weiterentwickelt. Damit übernehmen sie viel von unserem Wissen, aber möglicherweise auch unsere Vorurteile, Verzerrungen, Feindbilder und Widersprüche.
Deshalb ist eine KI nicht automatisch neutral, nur weil sie eine Maschine ist. Im verfügbaren Wissen finden sich wissenschaftliche Erkenntnisse genauso wie politische Propaganda, Qualitätsjournalismus ebenso wie Desinformation und demokratische Überzeugungen ebenso wie extremistische Weltbilder. Hinzu kommt, dass Menschen und Unternehmen entscheiden, wie KI-Systeme entwickelt werden, welche Regeln für sie gelten und welches Antwortverhalten erwünscht ist.
Wir sollten deshalb auch einer KI niemals allein deshalb glauben, weil ihre Antwort sachlich, freundlich und überzeugend klingt: Das gilt übrigens auch für diesen Artikel.
Demokratie braucht Widerspruch
Demokratie zeigt ihre Stärke deshalb nicht dort, wo wir einer Meinung sind, sie zeigt ihre Stärke dort, wo wir einander widersprechen und trotzdem darauf verzichten, einander zum Feind zu erklären.
Demokratie beginnt früh
Werde ich gehört, darf ich widersprechen, gelten Regeln für alle, wird ein schwächeres Kind geschützt, darf eine Mehrheit bestimmen, wer dazugehört und wer ausgeschlossen wird und wer übernimmt Verantwortung, wenn andere schweigen?
Der Europarat versteht demokratische Kompetenz deshalb nicht nur als politisches Wissen, dazu gehören auch Werte, Einstellungen, Fähigkeiten und kritisches Denken. Demokratie muss gelernt und vor allem erlebt werden und auch in Österreich ist die Förderung von Demokratieverständnis ausdrücklich Teil des Bildungsauftrags.
Prävention schützt Demokratie
Wenn Kinder KI fragen
Die KI antwortet sofort, sie wird nicht müde, ist geduldig und klingt häufig erstaunlich überzeugend. Damit kann sie auch zu einem Gesprächspartner bei der politischen und gesellschaftlichen Orientierung junger Menschen werden. Deshalb reicht es nicht, Kindern beizubringen, wie sie künstliche Intelligenz technisch richtig bedienen, sie müssen lernen, mit ihren Antworten kritisch umzugehen.
Vor dem Prompt kommt das Denken
Es sollte zwischen Tatsache, Interpretation und Meinung unterscheiden können, es sollte unterschiedliche Perspektiven kennenlernen, Widersprüche aushalten, Manipulation erkennen und verstehen, dass eine Mehrheit nicht automatisch recht hat und es sollte erfahren haben, dass Menschenwürde nicht verhandelbar ist und dass auch Menschen Rechte besitzen, deren Meinung, Herkunft, Religion oder Lebensweise wir nicht teilen.
Vor allem aber muss ein Kind erfahren: Ich darf fragen, ich darf zweifeln, ich darf widersprechen und ich muss etwas nicht glauben, nur weil es überzeugend klingt. Das gilt gegenüber Politiker:innen, Influencer:innen, Medien und Erwachsenen; und künftig genauso gegenüber künstlicher Intelligenz.
Einfluss beginnt leise
Eine KI muss bei jeder Antwort Informationen auswählen, gewichten und sprachlich einordnen. Sie entscheidet, welche Argumente sie nennt, welche Gegenargumente sie berücksichtigt und welchen Kontext sie vermittelt. Das muss keine absichtliche Manipulation sein, aber auch unbeabsichtigter Einfluss kann Wahrnehmung verändern.
Wer kontrolliert die KI?
Denken dürfen wir nicht delegieren
Wir sollten ihnen deshalb nicht nur zeigen, wie man eine KI fragt, wir sollten sie ermutigen, auch die Antworten zu hinterfragen: Woher weißt du das, welche Quellen sprechen dafür, ist das eine Tatsache oder eine Bewertung, welche Gegenposition gibt es, was könnte in deiner Antwort fehlen, könntest du dich irren und schließlich: Warum sollte ich dir glauben?
Demokratiekompetenz vor KI-Kompetenz
- Demokratie muss erlebt werden, bevor sie verteidigt werden kann.
- Manipulation muss erkannt werden, bevor sie wirkt.
- Künstliche Intelligenz muss verstanden werden, bevor wir ihr vertrauen.
Die größte Gefahr für unsere Demokratie besteht möglicherweise nicht darin, dass künstliche Intelligenz irgendwann beginnt, wie ein Mensch zu denken, die größere Gefahr wäre, wenn Menschen beginnen, ihr eigenes Denken an Maschinen abzugeben.
Deshalb braucht unsere Gesellschaft nicht nur KI-kompetente Kinder, sie braucht demokratiekompetente Kinder, die KI nutzen können. Bringen wir unseren Kindern also nicht nur bei, künstliche Intelligenz zu bedienen, bringen wir ihnen bei, ihr zu widersprechen, denn Demokratie braucht keine Menschen, die auf alles eine fertige Antwort haben, Demokratie braucht Menschen, die weiterhin Fragen stellen.