Alles wie immer, nichts mehr wie es war
Mein Leben 'danach'
Meine Leben danach – Gespräch mit Sebastian
Ich sitze am Ufer und überlege, ob ich wieder im Strom mitschwimmen möchte. Die Brücke ist geschlagen – ins ewige Leben, dort wartet jemand auf mich. Derzeit genieße ich das ‚am Ufer sitzen und zuschauen‘. Was ist wichtig, was nicht? Welchen Auftrag habe ich, um hier zu sein? Was jedenfalls bleibt, ist die Stille, der Moment, es ’sein zu lassen‘, sich nicht zu bewegen, alle Impulse zu stoppen und zu warten, was wirklich sein will. Es zeigt sich – mein Leben verwebt sich mit dem Tod meines Sohnes – es wird nichts mehr, wie es früher war. Jetzt ist alles anders. Ich kann diese Perspektive nicht mehr ändern – was ist wirklich wichtig? Wir sind alle sterblich. Wie wollen wir die Zeit, die wir haben, verbringen? Die Energie des Todes (ist sie/er weiblich oder männlich?) bringt mich dem, was sein soll, nahe. Was zählt? Das Leuchten der Menschen zu entdecken, die Wärme der Sonne zu genießen, jeden Tag als Kostbarkeit zu entdecken, die Fülle zu sehen, Dankbarkeit zu empfinden, nicht werten zu müssen, weil alles für sich ein kleines Wunder ist.
Wenn wir die Augen schließen und nichts mehr wichtig ist – was bleibt? Was hat Bestand? Was nimmst du mit, wenn dein letztes Hemd keine Taschen hat? Was ist es, was dich ausmacht, was uns ausmacht? Solange ich hier auf dieser Welt verweile, werde ich Brücken bauen. Ich habe einen Lehrmeister – immer wieder fragen wir uns, wie Sebastian all seine Hürden getragen hat – hat er ‚mehr‘ gewusst? Hat er an sich geglaubt und sich selber vertraut? Wusste er, was kommt? Wie geht es Menschen, die körperlich am Limit sind und in jeder Sekunde wissen, dass es ‚aus sein‘ kann? Wie ist ihre Sicht auf das Leben hier auf unserer Erde?
*Fragen über Fragen*
Alles wie immer, nichts mehr wie es war. (Ursula Leutgöb)
© Michaela Schmitz 2025-04-29
Muttertag 2025
Ich lese derzeit sehr viele Bücher, über seltene Erkrankungen und Patient:innen und ihren Geschichten, über den Tod und das Leben. Ein Buch ist ‚Es lebe der Tod‘ von Dr. Rudolf Likar, Dr. Georg Printer, Dr. Herbert Janig, Dr. Thomas Frühwald, Dr. Karl Cernic. Da lese ich ‚der Tod ist kein Fallbeil, sondern eine Tür‘. Und ich lese von der Bestattung Lichtblick aus Neulengbach. Und ich lese davon, dass der Tod nicht das Ende, sondern ein neuer Anfang ist. Und ich lese davon, was Menschen am Ende ihres Lebens wirklich wichtig ist.
Was ist uns wichtig? Was lenkt uns ab? Wo gilt es loszulassen, wo ist Kampfgeist und Dagegenhalten angesagt? Wie immer derzeit – es gibt mehr Fragen als passende Antworten. Jeder Tag ist ein neues Experiment, dem Ursprung und dem Sinn des Lebens näherzukommen.
Ich stehe in der Früh auf, ich frühstücke, ich mache mich für den Tag fertig, ich sortiere meine Arbeiten und arbeite meine Aufträge nach der Liste ab. Zwischendurch denke ich nach – über den Tod und das Leben. Es ist nicht mehr von mir trennbar. Jede Aufgabe, die sich mir stellt, wird dahingehend geprüft, ob sie Sinn macht oder ob sie dem täglichen Hamsterrad dient. Ich bin heute am Balkon gesessen und habe die Wolken bewundert und die Sonne genossen. Sitzt SEBI auf Wolke 7 und schaut uns zu? Es ist mir klar, dass mein Leben nie mehr ohne den Tod von Sebastian sein wird. Es gibt kein Entkommen. So wie sein Leben, so ist auch sein Tod ein Teil meiner Lebensgeschichte. Wie ich das in mein Hirn verpacke, weiß ich noch nicht – noch muss ich mir jeden Tag am Morgen sagen: ach ja, SEBI ist tot.
Übrigens – am Muttertag waren Emil, Daniel und ich bei MC Donalds frühstücken – da stand doch wirklich SEBIs Alfa bei MC Donalds. Es war SEIN Alfa, den er zu Schrott gefahren hatte und den ein Bekannter über einen Bekannten dann gekauft hatte. Zufall? Egal! Mit dem Alfa beim gemeinsamen Frühstück schwingt die Erinnerung mit – die Erinnerung an 27 Jahre zusammen sein. 27 Jahre, die wir gemeinsam verbracht haben – die Erinnerung daran erlischt nie. Und die Liebe auch nicht.
*Erinnerungen* Alles wie immer, nichts mehr wie es war. (Ursula Leutgöb)
© Michaela Schmitz 2025-05-12
Ein Fest für Sebastian
Auf der anderen Seite vergeht die Zeit wie im Fluge – damals, als wir den Termin für das Fest festgelegt hatten, erschien mir der 31.05.2025 als ‚irgendwann‘. Und nun war der Tag da. Unfassbar und unausweichlich. Natürlich gab es Vorbereitungsarbeiten. Ich habe Kärtchen mit Fotos und Sprüchen von SEBI vorbereitet, Bilder in der Größe A2 gestaltet (ja, nicht nur wir als Patchwork Familie sollten den Schmerz fühlen – auch unsere Gäste durften in SEBI eintauchen), wir haben uns überlegt, was wir als ‚Rahmenprogramm‘ machen wollten. Und das gab’s alles beim Fest: Flötenmusik von Maria und Freundin, Buttons machen, Seedbombs basteln, Steine zum Reisen bemalen, Wünschebox für SEBI, Gästebuch zum Eintragen, Bücher zum Selber lesen oder Vorlesen lassen, Barbapapas bewundern (und ev. mit ihnen kuscheln), Kerzen aufstellen, Ballonpost mit SEBI-Engeln, SEBI Gnom (von Karin) bewundern, Musik aus der Box, Musik von Andreas (nicht aus der Box), die 7 Orte von Christine, SEBIs Lieblingskuchen, Barbabo-Kuchen (von Barbara und Peter), SEBIs Lieblingsbrownies (von Kinga), leckeres Essen von Michi (Villa Berging) und ganz ganz viele Gespräche, Umarmungen und berührende Momente.
Es hatten sich an die 100 Menschen angemeldet, ca. 70 waren dann wirklich da, einige sind krank geworden, einige wurden von ihren Emotionen eingeholt. Es hat bewegt. Wir wurden mit bewegt. Es hat gewirkt und die Auswirkungen sind bereits spürbar – wie Wellen, die sich ausbreiten. Es wirkt. SEBI wirkt. Immer wieder und immer noch. Ich weiß nicht, ob er das gewollt hätte. Aber es ist. Wirkung. Jetzt sind schon ein paar Tage vergangen und immer noch erreichen mich Nachrichten, die mit SEBIs Tod, unserem Fest für ihn, in Verbindung stehen. Der Kreis der ‚von SEBI Berührten‘ wird von Tag zu Tag größer. Wirkungskreis. Der Wirkungskreis eines Verstorbenen. Immer wieder stelle ich mir dieselben Fragen.
Was ist Tod? Was ist Leben? Und was hat das alles mit mir zu tun? Viele haben mich gefragt, wie das Fest für mich war und ob es ein ‚Abschluss‘ war. Das Fest war für mich schön und schmerzvoll. Und nein, es war kein Abschluss, aber ein wichtiger Punkt, um das Unfassbare etwas Fassbarer zu machen und auch zu teilen. Öffentlich zu teilen und zu zeigen, dass man aus einer Trauerfeier auch ein Fest machen kann und dabei die Schwere überwinden darf. Und, um mit Falco zu enden (Daniel, mein jüngster Sohn, ist Falco-Fan) – muss ich denn sterben, um zu leben?
Es WIRKT ein bisschen so, als könnte sich SEBI jetzt wirklich ENTFALTEN. Ich höre seinen Schlüsselbund klimpern, sehe seine Art, sich seinen Hut zu richten (die Frisur darf nicht leiden) und freue mich über sein Grinsen im Gesicht. ‚Jetzt könnt ihr euch mal damit beschäftigen, worüber ich schon seit Jahren nachgedacht habe – was bedeutet euch euer Leben? Ich schau euch jetzt erste Reihe fußfrei zu‘. *Grins* … und er lehnt sich zurück und genießt – don’t stop me now!
Alles wie immer, nichts mehr wie es war. (Ursula Leutgöb)
© Michaela Schmitz 2025-06-09
Und wieder rauf aufs Goldeck
Wir waren sechs Tage auf ‚Urlaub‘ – es fühlt sich immer noch wie eine Ewigkeit an. Sechs intensive Tage mit Familie, mit ganz viel gemeinsamen Aktivitäten und Gesprächen. Zusammensein, gemeinsam erleben, Zeit verbringen. Und an SEBI denken. Und ihn vermissen. Jedes Mal, wenn ich zum ADEG einkaufen gegangen bin (der ist gleich über die Straße), ist er mitgekommen – mir noch schnell hinterher, weil er sich etwas Leckeres zu Essen kaufen wollte. Oder weil er einfach dabei sein wollte. Ich hab mich umgedreht, so, als wäre er wirklich hier. Die Erinnerung – so wunderbar. Der Schmerz seines Fehlens – so unaushaltbar. Die gemeinsame Wanderung aufs Goldeck war das Ziel unseres gemeinsamen Urlaubs – noch einmal das gemeinsam erleben, was SEBI nicht mehr machen kann. Sophie, Marios Freundin, hat den großen Barbabo im Tragetuch bis zum Gipfelkreuz getragen (und auch wieder runter). SEBI in Tarnung sozusagen.
Und dann waren noch ein paar aus Ton gemachte Figuren mit (die beim Fest für SEBI entstanden sind), die wir auch beim Gipfelkreuz platziert haben. Und wir haben den Wind und die Wolken am Goldeck genossen und die Aussicht und die Weite und den Kaiserschmarrn und das gemeinsame Erleben. Und das gemeinsame Denken an SEBI. Was bleibt, ist die Erinnerung. Und natürlich haben sich bei mir beim Hinauf – und Hinunterwandern tausende Fragen in meinem Hirn geformt. Was bleibt? Wer sind wir? Wo gehen wir hin? Was ist Leben? Was ist der Tod? Was entsteht bei solchen gemeinsamen Erlebnissen, ohne viele Worte, aber beim gemeinsamen Tun? Was formt sich da in uns? Und welche Früchte trägt es? Was wird daraus Neues entstehen, auf eine ganz leise, uns vielleicht fast unmerkliche Art?
Einfach, weil wir gemeinsam sind und es in uns tragen? Wie viele ‚Samen‘ wurden in diesen Tagen ‚gesät‘, die ‚irgendwann‘ zu sprießen beginnen, weil wir dem Leben Raum gegeben haben? Ohne Zwang, nur mit dem Bewusstsein der gemeinsamen Bewältigung eines Verlustes, mit dem gemeinsamen Tragen der Trauer, weil ein geliebter Mensch nicht mehr körperlich unter uns weilt? Was entfaltet sich gerade jetzt vor unseren Augen mit all dem Schmerz, der zu Verlust und Trauer dazu gehört? Was entsteht und wo finden wir uns in all dem wieder? So viele Fragen … es war eine sehr intensive, schöne und schmerzvolle Zeit für mich in Kärnten. Und der Tod von SEBI, der in mir wandert und ruht, trägt mich unaufhörlich weiter auf meiner Reise durch neue Erfahrungen, neue Einsichten, neue Aha-Erlebnisse und es breitet sich eine tiefe, fast schmerzhafte Ruhe aus – ich werde langsam und langsamer und still und stiller und leise und manchmal entspringt alldem ein sanftes Wahrnehmen unseres Seins – ganz ohne Anstrengung. Wir sind. Einfach so.
Alles wie immer, nichts mehr wie es war. (Ursula Leutgöb)
© Michaela Schmitz 2025-08-02
Leben in unterschiedlichen Welten
Dann gibt es die gemeinsame Welt mit mir und SEBIs beiden Brüdern, Emil und Daniel. Wir trauern gemeinsam, aber unterschiedlich und es gibt immer wieder Schnittpunkte, wo sich unser gemeinsamer Trauerprozess trifft. Dann ist da die Welt der ‚Bonusfamlilie‘, die mit mir und mit uns ‚trauert‘ und mitfühlt. Dann gibt es die Welt, in der ich eine wunderbare Beziehung lebe, und eine Welt, wo ich Erfüllung in meiner Arbeit finde. Dann gibt’s eine Welt, in der ich nur mehr Chaos vorfinde und den Eindruck habe, nichts mehr auf die Reihe zu bringen. Und dann wiederum gibt’s die Welt, wo ich Listen schreibe, Termine plane und alles einordne und ablege. Und dann gibt es da noch so eine Zwischenwelt, wo ich dann ganz konzentriert bin auf ein Thema, einen Gedanken, ein Projekt – eine Zwischenwelt, wo die anderen Welten grad nicht erinnerbar sind. Und wenn ich aus der Zwischenwelt auftauche, dann finde ich mich wieder in einer der anderen Welten. Und all das trage ich in mir. Vieles von dem ist im Außen nicht sichtbar. Es läuft aber ständig ab. Und es kostet Energie. Ich bin oft unglaublich müde. Und ich kann auch nicht so viele Menschen treffen, wie ich gerne würde.
Dein Tod ist nicht bei Dir geblieben. Er hat beschlossen, mich zu bewohnen, er braucht eine Bleibe nach getaner Arbeit, einen Ort, an dem er ausruhen kann. Ich fühle ihn umhergehen in meinem Körper, mit geschlossenen Augen und Füßen aus Lehm. Müde sitzt er in meinen Schultern, mal fällt er wie krank in meine Beine, und wenn ich die Hände zum Gruß erhebe, liegen schwer seine Hände darin. Nun bin ich zwei: der Mensch, der ich war, und der Tod, der in mir wandert und ruht. Ich gewöhne mir an, mich anders zu bewegen, mit doppelter Kraft, wie ein Mensch unter Wasser, ich lerne, dass den einfachsten Dingen ein Widerstand innewohnt. Ich erkenne die anderen, die bewohnt sind wie ich, an der Schwere in ihren Gliedern, die Fremden von gestern, die erst durch den Tod mir Schwestern und Brüder wurden. Und langsam wächst dies staunende Begreifen, dass der Tod nie nur den Sterbenden sucht. Er sucht in uns die leeren Räume, den Andachtsort für sein Geheimnis. Der Tod, der Dir die Augen schloss, hat mir im Inneren zwei Augen geöffnet, die lernen, unter der schweren Last die Würde des Tragens zu sehen und unter dem nagenden Ohnedichsein die Anmut tiefer Gemeinschaft. Dein Tod ist nicht bei Dir geblieben. Er hat beschlossen, mich zu bewohnen, und ich – ich lasse es geschehen. Giannina Weide
Genauso fühlt es sich an. Ich bin nicht mehr nur ich – ich lebe Unterschiedliches in unterschiedlichen Welten – manche würden es ‚Räume‘ nennen. Aber egal, wie man es nennt – es ist und es ist für mich real. Und so wechseln sich meine Tage ab – einmal bin ich für ‚alle‘ da, einmal verziehe ich mich in meine vier Wände und tauche unter. Tauche ein in eine neue Welt, die ich nicht gerufen habe, die mich gefunden hat, und SEBI hat sie mir zugemutet. Da steckt MUT drinnen!
Ich werde aussehen, als sei ich tot, doch es wird nicht wahr sein. Zitat aus Der kleine Prinz
© Michaela Schmitz 2025-08-05
Die fast vergessene Welt
Diese Welt, wo wir gemeinsam sind, planen, uns treffen, unseren Alltag meistern, beisammen sind. Diese Welt fühlt sich im ersten Schritt ganz natürlich an, wohltuend, heimelig, wie zu Hause. Und so sehr vertraut. Auch vertraut mit all den Schwierigkeiten und Alltagshürden. Mit manchen Einschränkungen und Sorgen. Und im zweiten Schritt kommt erst die nüchterne Erkenntnis – es war. Diese Welt ist in dieser Form Vergangenheit, für immer. Nie mehr – gemeinsam essen, gemeinsam ins Kino gehen, gemeinsam einkaufen, gemeinsam feiern, gemeinsame Raclette-Runden, gemeinsam reden, sich gemeinsam Sorgen machen, gemeinsam einen Plan gegen die Sorgen machen, … gemeinsam … was auch immer. Nie mehr. Endgültig aus. Kein zurück. Kein ’schau ma mal‘.
Diese ‚fast vergessene Welt‘ VOR September 2024 – sie taucht immer wieder auf. Nicht bewusst von mir hervorgerufen. Wahrscheinlich immer noch in meinem Gehirn verankert als angenehme Erinnerung. 27 Jahre gemeinsame Zeit – da wird so einiges abgespeichert, das dann immer wieder auftaucht – in passenden und auch unpassenden Momenten des Lebens ‚danach‘.
Dieser STOPP des physischen Lebens und dieser Verlust von Bildern in der Zukunft. Keine Vorausschau mehr, keine Vision. Von wo kommen wir, wer sind wir, was machen wir hier und wo gehen wir hin. Die zentralen Fragen für mich. Wenn ich in die Welt von uns und unserem gemeinsamen Erleben VOR September 2024 eintauche und dann in einem Schwall vom Leben wieder in meine ’neue‘ Welt (= ohne SEBI in seiner physischen Form) gespült werde, dann frage ich nach dem Sinn – und erhalte keine Antwort. Ist die Antwort ‚weil es keinen Sinn gibt, der mir zugänglich wäre‘?
„Wenn du bei Nacht den Himmel anschaust, wird es dir sein, als lachten alle Sterne, weil ich auf einem von ihnen wohne.“ Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“
© Michaela Schmitz 2025-08-11
Das Fest zum 30. Geburtstag von Emil
Und auch Charly (unser Leihopa) und seine Frau Angela haben es zum 30er von Emil geschafft, obwohl es Charly wirklich gar nicht gut geht! Es waren auch einige von Emils Arbeitskollegen da – mich hat es gefreut, dass sie gemeinsam mit uns diesen Tag feiern. Und der Platz bei der Villa Bergung – tja, der ist sowieso einfach wunderbar. Mit dem Wetter hatten wir auch wieder Glück – Sonne und 36 Grad! Ich hatte für Emil ein Banner gemacht – mit ganz vielen Fotos von ihm seit seiner Geburt – es war ziemlich herausfordernd für mich, alle herauszusuchen – weil ja immer auch SEBI dabei war. Und was hat Emil gesagt, wie er den Banner gesehen hat? (wir haben ihn an seinem Balkon montiert).
Das erinnert mich alles so an SEBI. Und er hat recht – alles erinnert an SEBI. Er war immer da. 27 Jahre lang. Und Emil hatte sich damals so sehr auf seinen kleineren Bruder gefreut. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, als ich 1994 schwanger war und an meinem 30. Geburtstag am 25.12.1994 gedacht habe, wie das wohl so wird, wenn mein Sohn (damals wusste ich seinen Namen noch nicht) 30 Jahre alt wird und ich dann 60 Jahre alt bin. Was wird dann sein? Und niemals hätte ich das gedacht … SEBI ist 1997 geboren und Emil war soooo glücklich, endlich einen Bruder zum Spielen zu haben.
NIE hätte ich gedacht, dass er an seinem 30. Geburtstag wieder ohne Sebastian sein wird. Niemals. Wir beide gemeinsam wieder ohne SEBI sein werden. Und wie geht es Daniel, dem jüngeren Bruder, mit all dem? Aus meiner Sicht sind beide Brüder froh, dass sie sich (noch) haben. SEBI war ja das Sandwichkind und somit auch das Bindeglied. Er ist jetzt physisch weg. Ich bin ein Einzelkind und habe mir immer Geschwister gewünscht, damit ich nicht alles alleine tragen muss.
Wie geht es Emil und Daniel jetzt? Sind sie froh, sich gegenseitig ‚zu haben‘? Ich weiß nur, dass ich mit dem ‚Einzelkindstatus‘ nicht immer ganz glücklich war – gemeinsam trägt sich das Leben leichter! Wer kennt den Film ‚About a boy oder Der Tag der toten Ente‘? Der Film ist für mich ein sehr gutes Beispiel dafür, wie es Einzelkindern geht – und wie sie versuchen, ihren Alltag zu meistern. ALLEINE heißt eben auch, es ALLEINE durchzustehen – und das ist nicht immer einfach. Wir haben ja auch noch eine Bonusfamilie. Das tut gut. Hier kann man sich auch nochmals an Menschen wenden, die die Situation kennen. SEBI war immer sehr verbindend – wie weit seine ‚Flügeln‘ reichen, werden wir sehen. Familienbande zu durchbrechen, ist schwierig, sie wirken. Und sie wirken intensiv bei intensiven Ereignissen, wie zB dem Tod.
‚Multipliziere es mit der Unendlichkeit, erweitere es um die Ewigkeit und du wirst im Ansatz erahnen können, wovon ich spreche‘ … aus dem Film ‚Rendezvous mit Joe Black‘
© Michaela Schmitz 2025-08-16
11 Monate und vieles mehr
Dieser Abend hat sich eingebrannt in mein Erinnerungswissen und ich kann es immer wieder hervorholen – so, als wäre es grad eben gewesen. Gestern (27.08.) vor einem Jahr war ich also das letzte Mal mit Sebi (… hm, keine Autokorrektur auf Sieb) im Kino. Heute vor einem Jahr war ein Monat vor Sebis Tod. Gestern, 27.08.2025, habe ich den Film ‚The dead don’t hurt‘ zu Hause auf DVD angeschaut – in der Hoffnung, zu verstehen, ein ‚Zeichen‘ zu sehen – hat Sebi etwas gewusst? Hat er geahnt, dass sich seine Lungenentzündung nicht bessern wird? Wollte er ‚vorfühlen‘? War es Zufall?
Gestern und gestern vor einem Jahr. Heute und heute vor einem Jahr. Zeit ist inzwischen etwas, das ich in Apps ablese – zB in der Kalenderapp. Oder der Uhrenapp. Oder der Wetterapp. Zeit ist etwas, in der ich mich nicht wieder finde. Wo bin ich grad? Welcher Tag ist heute? Was ist morgen? Was ist zu tun? Welchen Termin habe ich übersehen? Mein Zeitgefühl ist mir ‚flöten‘ gegangen. (Einige sagen: Da geht etwas verloren, wie der Ton aus einer Flöte verschwindet. Vielleicht meinte man aber auch einen Menschen, der wegging, um mit seiner Flöte als Musikant in der Welt sein Geld zu verdienen und deswegen nicht mehr da ist.) Sebi war eben noch da. Und dann war da die Intensivstation und das Hochwasser. Und dann war Sebi nicht mehr. Und nun nähern wir uns dem Jahrestag seines Todes. Und ich? Ich habe noch mehr Fragen und noch weniger Antworten. Ich habe mein Zeitgefühl verloren und bin auf der Suche nach dem Sinn, der sich nicht finden lassen will.
Am 04.09.2025 ist übrigens Sebis 28. Geburtstag. Ich werde seinen Lieblingskuchen backen (Schoko-Mohn, den haben Daniel und ich ihm an seinem Geburtstag 2024 ins AKH gebracht) und es gibt Palatschinken gefüllt mit Schokolade (Noisette!) – wer mag ab 15:00 zu uns kommen und mit uns Sebis Geburtstag feiern? Ich kann sagen, dass 11 Monate seit dem Tod meines Sohnes vergangen sind. Ich kann sagen, dass ich in dieser Zeit weiter gelebt habe und dass ich arbeite und meine Alltagssachen erledige. Das Leben geht weiter und etwas von mir nimmt daran teil. Und all das von mir, das nicht daran teilnimmt, sortiert, stellt Fragen, ist unendlich müde, sitzt herum und tut nichts, liest Bücher, sucht nach dem Sinn in all dem, verzweifelt an sich selbst, ist erstaunt über ‚ah, du trauerst immer noch‘ oder ‚auch andere Menschen verlieren Kinder‘ – ja, das tun sie, aber das relativiert den Verlust doch nicht, oder?
‚Multipliziere es mit der Unendlichkeit, erweitere es um die Ewigkeit und du wirst im Ansatz erahnen können, wovon ich spreche‘ … aus dem Film ‚Rendezvous mit Joe Black‘
© Michaela Schmitz 2025-08-28
Schoko-Mohn-Kuchen
Am Montag, 02.09.2024 hatte Sebi wieder einen Kontrolltermin im AKH. Er war sich ziemlich sicher, dass sie ihn wieder stationär aufnehmen würden. Wir beschlossen trotzdem, dass er mit dem Roten Kreuz zum Termin fahren sollte und sollte er stationär aufgenommen werden, bringe ich ihm die Sachen nach. Am 02.09.2024 um 06:30 saßen Udo und ich am Balkon und frühstückten, ich hörte den Krankentransport zufahren. Ein paar Minuten später ging die Haustür auf, Sebi kam heraus, sagte: ‚Guten Morgen‘, die Haustür viel ins Schloss. Sebi setzte sich ins Auto, die Türen wurden geschlossen, das Auto fuhr davon. Es war das letzte Mal, dass Sebi ‚unser‘ Haus verließ. Das letzte Mal, dass er die Türen öffnete und sie ins Schloss fielen. Das letzte Mal ‚Guten Morgen‘ hier bei uns. Ich höre noch seine Stimme, höre, wie er zum Auto geht, wie er seinen Rucksack abnimmt und ins Auto fallen lässt, höre, wie er sich niedersetzt und den Gurt anlegt.
Er wurde im AKH stationär aufgenommen und ich brachte ihm seine Sachen nach. Wir scherzten noch am Telefon, dass er endlich eine Liste schreiben sollte, damit ich wüsste, was er bräuchte und nicht immer nachfragen musste. Wir wussten nicht, dass wir nie mehr wieder eine Liste brauchen würden. Und so fuhr ich wieder bepackt am 02.09.2024 ins AKH zu Sebi. Am 03.09.2024 habe ich seinen Lieblingskuchen – Schoko-Mohn-Kuchen – gebacken, weil er am 04.09.2024 27 Jahre alt wurde. Daniel und ich sind ihn im AKH besuchen gefahren. Sein letzter Geburtstag. Das letzte Mal gemeinsam Schoko-Mohn-Kuchen essen. Und all das wirkt wie gestern. Es kann kein Jahr vergangen sein.
Wir haben doch eben noch gemeinsam Schoko-Mohn-Kuchen gegessen … der September ist ein spezieller Monat für mich, für uns. Jede Sekunde wirkt wie eine Ewigkeit, bläst sich auf zur Unendlichkeit, reiht sich nicht in das Zeitgefühl ein. Du warst doch eben noch bei uns. Wir haben doch eben noch telefoniert, geschrieben, gelacht. Ich lese sehr viel zum Thema Trauer, es ist überall gleich – das Zeitgefühl von Trauernden löst sich auf, verschiebt sich. Ein Teil von mir weiß, dass ein Jahr vergangen ist. Aber es ist ein ‚wissen‘ und kein ‚fühlen‘. Ich bin zu einer Wandernden geworden. Ich wandere zwischen den Welten – zwischen Tod, Trauer, Alltag, Arbeit, Freunden, Terminen – ich wandere, nichts ist mehr flüchtig, alles wirkt und bewirkt, manchmal fast zu intensiv – Gerüche, Geräusche, Gespräche, Erinnerungen, Worte – leicht ausgesprochen, schwer wiegend. Ich befinde mich auf der Reise in ein unbekanntes Land.
© Michaela Schmitz 2025-09-02