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Foto Maria Hörmandinger

Alles wie immer, nichts mehr wie es war

Mein Leben 'danach'

Mein Sohn Sebastian ist am Sa, 28.09.2024, 13:00 auf der Intensivstation im AKH Wien an zwei Keimen in seiner Lunge gestorben. Seine Geschichte vor seinem Tod könnt ihr HIER nachlesen. Die Texte untenstehend sind aus der Zeit nach seinem Tod, teilweise auf facebook oder auch story.one veröffentlicht. Immer wieder versuche ich, das Unfassbare schriftlich (für mich) fassbar zu machen. Es sind bald zwei Jahre, wo wir ohne Sebi leben müssen. Eine wiederum unfassbar lange Zeit und gleichzeitig fühlt sich sein Tod wie gestern an.

Meine Leben danach – Gespräch mit Sebastian

Mein Leben danach – Gespräch mit Sebastian – das hab ich wohl irgendwann vorauseilend so definiert. Jetzt schaue ich mal, wie ich damit kann. Ohne Sebi. Wir waren vorbereitet – oder zumindest nicht UNVORBEREITET. Und doch – es hat uns ‚kalt‘ erwischt. Er fehlt. Lied von Glashaus ‚Haltet die Welt an, es fehlt ein Stück‘, Lied von Ursula Leutgöb ‚Alles wie immer, nichts mehr wie es war‘. … und die Welt dreht sich weiter … für mich steht sie ganz oft still. Ich verliere mich in … Zeitlosigkeit. Es gibt ganz viele neue Perspektiven des Lebens zu erforschen. Was ist Leben? Was ist Tod? Was hat das mit mir zu tun? Ich hätte nie gedacht, dass der Tod eines eigenen Kindes so viel bewegt. Es ist ja auch gut so, dass man es sich nicht bis zur letzten Konsequenz vorstellt – aber diese Tragweite. Alles wie immer, nichts mehr wie es war. Ich bin nicht mehr ich. Ich bin anders. Ich kann Alltags-Gesprächen nicht mehr folgen. Ich bin nach scheinbar wichtigen Arbeitsgesprächen mental am Ende. Ich schlafe viel. Ich genieße die Wärme der Sonne. Ich genieße körperliche Arbeit. Ich genieße Gespräche über den Tod und die scheinbare Realität hier auf Erden. Ich bin fasziniert von KI und Trauer und der ‚Digital Afterlife Industry‘ und gleichzeitig besorgt, was das alles für uns bedeutet. Was ist Leben? Was ist digitales Leben? Wohin steuern wir Lebenden mit all unserem ‚Fortschritt‘?Ich sitze am Ufer und überlege, ob ich wieder im Strom mitschwimmen möchte. Die Brücke ist geschlagen – ins ewige Leben, dort wartet jemand auf mich. Derzeit genieße ich das ‚am Ufer sitzen und zuschauen‘. Was ist wichtig, was nicht? Welchen Auftrag habe ich, um hier zu sein? Was jedenfalls bleibt, ist die Stille, der Moment, es ’sein zu lassen‘, sich nicht zu bewegen, alle Impulse zu stoppen und zu warten, was wirklich sein will. Es zeigt sich – mein Leben verwebt sich mit dem Tod meines Sohnes – es wird nichts mehr, wie es früher war. Jetzt ist alles anders. Ich kann diese Perspektive nicht mehr ändern – was ist wirklich wichtig? Wir sind alle sterblich. Wie wollen wir die Zeit, die wir haben, verbringen? Die Energie des Todes (ist sie/er weiblich oder männlich?) bringt mich dem, was sein soll, nahe. Was zählt? Das Leuchten der Menschen zu entdecken, die Wärme der Sonne zu genießen, jeden Tag als Kostbarkeit zu entdecken, die Fülle zu sehen, Dankbarkeit zu empfinden, nicht werten zu müssen, weil alles für sich ein kleines Wunder ist.

Wenn wir die Augen schließen und nichts mehr wichtig ist – was bleibt? Was hat Bestand? Was nimmst du mit, wenn dein letztes Hemd keine Taschen hat? Was ist es, was dich ausmacht, was uns ausmacht? Solange ich hier auf dieser Welt verweile, werde ich Brücken bauen. Ich habe einen Lehrmeister – immer wieder fragen wir uns, wie Sebastian all seine Hürden getragen hat – hat er ‚mehr‘ gewusst? Hat er an sich geglaubt und sich selber vertraut? Wusste er, was kommt? Wie geht es Menschen, die körperlich am Limit sind und in jeder Sekunde wissen, dass es ‚aus sein‘ kann? Wie ist ihre Sicht auf das Leben hier auf unserer Erde?

*Fragen über Fragen*

Alles wie immer, nichts mehr wie es war. (Ursula Leutgöb)

© Michaela Schmitz 2025-04-29

Foto Maria Hörmandinger

Muttertag 2025

Ach ja, es war Muttertag. Glücklicherweise haben wir diesen nie so ganz intensiv gefeiert. Es ist ja eigentlich jeder Tag Muttertag, da muss nicht extra ein Tag herausgehoben werden. Emil und Daniel waren mit mir schon am Samstag im Weingartl in Neulengbach essen. Ich hatte einen Tisch für vier bestellt – falls noch wer dazu kommt. Und dann waren wir doch ’nur‘ zu dritt. „Entschuldigung, wir sind doch nur zu dritt“ – einer fehlt – Zufall oder Absicht. Es war ein schöner Abend. Wenn ich mit meinen zwei Jungs unterwegs bin, da ist es so, als wären sie immer noch drei Jungs – wir zu viert. Auch wenn SEBI offensichtlich nicht dabei ist, fühlt es sich an, als wären wir immer noch alle zusammen unterwegs. Was ist Leben, was ist Tod? Und was sind die Schattierungen dazwischen?

Ich lese derzeit sehr viele Bücher, über seltene Erkrankungen und Patient:innen und ihren Geschichten, über den Tod und das Leben. Ein Buch ist ‚Es lebe der Tod‘ von Dr. Rudolf Likar, Dr. Georg Printer, Dr. Herbert Janig, Dr. Thomas Frühwald, Dr. Karl Cernic. Da lese ich ‚der Tod ist kein Fallbeil, sondern eine Tür‘. Und ich lese von der Bestattung Lichtblick aus Neulengbach. Und ich lese davon, dass der Tod nicht das Ende, sondern ein neuer Anfang ist. Und ich lese davon, was Menschen am Ende ihres Lebens wirklich wichtig ist.

Was ist uns wichtig? Was lenkt uns ab? Wo gilt es loszulassen, wo ist Kampfgeist und Dagegenhalten angesagt? Wie immer derzeit – es gibt mehr Fragen als passende Antworten. Jeder Tag ist ein neues Experiment, dem Ursprung und dem Sinn des Lebens näherzukommen.

Ich stehe in der Früh auf, ich frühstücke, ich mache mich für den Tag fertig, ich sortiere meine Arbeiten und arbeite meine Aufträge nach der Liste ab. Zwischendurch denke ich nach – über den Tod und das Leben. Es ist nicht mehr von mir trennbar. Jede Aufgabe, die sich mir stellt, wird dahingehend geprüft, ob sie Sinn macht oder ob sie dem täglichen Hamsterrad dient. Ich bin heute am Balkon gesessen und habe die Wolken bewundert und die Sonne genossen. Sitzt SEBI auf Wolke 7 und schaut uns zu? Es ist mir klar, dass mein Leben nie mehr ohne den Tod von Sebastian sein wird. Es gibt kein Entkommen. So wie sein Leben, so ist auch sein Tod ein Teil meiner Lebensgeschichte. Wie ich das in mein Hirn verpacke, weiß ich noch nicht – noch muss ich mir jeden Tag am Morgen sagen: ach ja, SEBI ist tot.

Übrigens – am Muttertag waren Emil, Daniel und ich bei MC Donalds frühstücken – da stand doch wirklich SEBIs Alfa bei MC Donalds. Es war SEIN Alfa, den er zu Schrott gefahren hatte und den ein Bekannter über einen Bekannten dann gekauft hatte. Zufall? Egal! Mit dem Alfa beim gemeinsamen Frühstück schwingt die Erinnerung mit – die Erinnerung an 27 Jahre zusammen sein. 27 Jahre, die wir gemeinsam verbracht haben – die Erinnerung daran erlischt nie. Und die Liebe auch nicht.

*Erinnerungen* Alles wie immer, nichts mehr wie es war. (Ursula Leutgöb)

© Michaela Schmitz 2025-05-12

Foto Maria Hörmandinger

Ein Fest für Sebastian

Jetzt war es also so weit – es war Samstag, 31.05.2025 – der Tag, an dem unser Fest für Sebastian stattfinden sollte. Ich kann nicht sagen, wie ich von September mit Hochwasser, Intensivstation und Tod von SEBI bis hierhin – zum Fest – gekommen bin. Auf der einen Seite scheint die Zeit stillzustehen. Jeden Morgen muss ich mich auf’s Neue daran erinnern, dass mein Sohn Sebastian tot ist.

Auf der anderen Seite vergeht die Zeit wie im Fluge – damals, als wir den Termin für das Fest festgelegt hatten, erschien mir der 31.05.2025 als ‚irgendwann‘. Und nun war der Tag da. Unfassbar und unausweichlich. Natürlich gab es Vorbereitungsarbeiten. Ich habe Kärtchen mit Fotos und Sprüchen von SEBI vorbereitet, Bilder in der Größe A2 gestaltet (ja, nicht nur wir als Patchwork Familie sollten den Schmerz fühlen – auch unsere Gäste durften in SEBI eintauchen), wir haben uns überlegt, was wir als ‚Rahmenprogramm‘ machen wollten. Und das gab’s alles beim Fest: Flötenmusik von Maria und Freundin, Buttons machen, Seedbombs basteln, Steine zum Reisen bemalen, Wünschebox für SEBI, Gästebuch zum Eintragen, Bücher zum Selber lesen oder Vorlesen lassen, Barbapapas bewundern (und ev. mit ihnen kuscheln), Kerzen aufstellen, Ballonpost mit SEBI-Engeln, SEBI Gnom (von Karin) bewundern, Musik aus der Box, Musik von Andreas (nicht aus der Box), die 7 Orte von Christine, SEBIs Lieblingskuchen, Barbabo-Kuchen (von Barbara und Peter), SEBIs Lieblingsbrownies (von Kinga), leckeres Essen von Michi (Villa Berging) und ganz ganz viele Gespräche, Umarmungen und berührende Momente.

Es hatten sich an die 100 Menschen angemeldet, ca. 70 waren dann wirklich da, einige sind krank geworden, einige wurden von ihren Emotionen eingeholt. Es hat bewegt. Wir wurden mit bewegt. Es hat gewirkt und die Auswirkungen sind bereits spürbar – wie Wellen, die sich ausbreiten. Es wirkt. SEBI wirkt. Immer wieder und immer noch. Ich weiß nicht, ob er das gewollt hätte. Aber es ist. Wirkung. Jetzt sind schon ein paar Tage vergangen und immer noch erreichen mich Nachrichten, die mit SEBIs Tod, unserem Fest für ihn, in Verbindung stehen. Der Kreis der ‚von SEBI Berührten‘ wird von Tag zu Tag größer. Wirkungskreis. Der Wirkungskreis eines Verstorbenen. Immer wieder stelle ich mir dieselben Fragen.

Was ist Tod? Was ist Leben? Und was hat das alles mit mir zu tun? Viele haben mich gefragt, wie das Fest für mich war und ob es ein ‚Abschluss‘ war. Das Fest war für mich schön und schmerzvoll. Und nein, es war kein Abschluss, aber ein wichtiger Punkt, um das Unfassbare etwas Fassbarer zu machen und auch zu teilen. Öffentlich zu teilen und zu zeigen, dass man aus einer Trauerfeier auch ein Fest machen kann und dabei die Schwere überwinden darf. Und, um mit Falco zu enden (Daniel, mein jüngster Sohn, ist Falco-Fan) – muss ich denn sterben, um zu leben?

Es WIRKT ein bisschen so, als könnte sich SEBI jetzt wirklich ENTFALTEN. Ich höre seinen Schlüsselbund klimpern, sehe seine Art, sich seinen Hut zu richten (die Frisur darf nicht leiden) und freue mich über sein Grinsen im Gesicht. ‚Jetzt könnt ihr euch mal damit beschäftigen, worüber ich schon seit Jahren nachgedacht habe – was bedeutet euch euer Leben? Ich schau euch jetzt erste Reihe fußfrei zu‘. *Grins* … und er lehnt sich zurück und genießt – don’t stop me now!

Alles wie immer, nichts mehr wie es war. (Ursula Leutgöb)

© Michaela Schmitz 2025-06-09

Foto Maria Hörmandinger

Und wieder rauf aufs Goldeck

Urlaub in Kärnten 2025 – der erste Urlaub ohne SEBI in Kärnten. Familie und Bonusfamilie gemeinsam unterwegs, wandelnd auf SEBIs Spuren aus 2024. Ankommen bei Opa – ohne SEBI. Einkaufen beim ADEG – ohne SEBI. Mäxchen spielen – ohne SEBI. Boccia spielen – ohne SEBI. Spaziergang in Spittal an der Drau – ohne SEBI. Shoppen in Villach – ohne SEBI. Essen gehen im Zellot – ohne SEBI. Ausflug zum Weißensee – ohne SEBI. Ausflug zum Millstätter See – ohne SEBI. Rauf aufs Goldeck – ohne SEBI.

Wir waren sechs Tage auf ‚Urlaub‘ – es fühlt sich immer noch wie eine Ewigkeit an. Sechs intensive Tage mit Familie, mit ganz viel gemeinsamen Aktivitäten und Gesprächen. Zusammensein, gemeinsam erleben, Zeit verbringen. Und an SEBI denken. Und ihn vermissen. Jedes Mal, wenn ich zum ADEG einkaufen gegangen bin (der ist gleich über die Straße), ist er mitgekommen – mir noch schnell hinterher, weil er sich etwas Leckeres zu Essen kaufen wollte. Oder weil er einfach dabei sein wollte. Ich hab mich umgedreht, so, als wäre er wirklich hier. Die Erinnerung – so wunderbar. Der Schmerz seines Fehlens – so unaushaltbar. Die gemeinsame Wanderung aufs Goldeck war das Ziel unseres gemeinsamen Urlaubs – noch einmal das gemeinsam erleben, was SEBI nicht mehr machen kann. Sophie, Marios Freundin, hat den großen Barbabo im Tragetuch bis zum Gipfelkreuz getragen (und auch wieder runter). SEBI in Tarnung sozusagen.

Und dann waren noch ein paar aus Ton gemachte Figuren mit (die beim Fest für SEBI entstanden sind), die wir auch beim Gipfelkreuz platziert haben. Und wir haben den Wind und die Wolken am Goldeck genossen und die Aussicht und die Weite und den Kaiserschmarrn und das gemeinsame Erleben. Und das gemeinsame Denken an SEBI. Was bleibt, ist die Erinnerung. Und natürlich haben sich bei mir beim Hinauf – und Hinunterwandern tausende Fragen in meinem Hirn geformt. Was bleibt? Wer sind wir? Wo gehen wir hin? Was ist Leben? Was ist der Tod? Was entsteht bei solchen gemeinsamen Erlebnissen, ohne viele Worte, aber beim gemeinsamen Tun? Was formt sich da in uns? Und welche Früchte trägt es? Was wird daraus Neues entstehen, auf eine ganz leise, uns vielleicht fast unmerkliche Art?

Einfach, weil wir gemeinsam sind und es in uns tragen? Wie viele ‚Samen‘ wurden in diesen Tagen ‚gesät‘, die ‚irgendwann‘ zu sprießen beginnen, weil wir dem Leben Raum gegeben haben? Ohne Zwang, nur mit dem Bewusstsein der gemeinsamen Bewältigung eines Verlustes, mit dem gemeinsamen Tragen der Trauer, weil ein geliebter Mensch nicht mehr körperlich unter uns weilt? Was entfaltet sich gerade jetzt vor unseren Augen mit all dem Schmerz, der zu Verlust und Trauer dazu gehört? Was entsteht und wo finden wir uns in all dem wieder? So viele Fragen … es war eine sehr intensive, schöne und schmerzvolle Zeit für mich in Kärnten. Und der Tod von SEBI, der in mir wandert und ruht, trägt mich unaufhörlich weiter auf meiner Reise durch neue Erfahrungen, neue Einsichten, neue Aha-Erlebnisse und es breitet sich eine tiefe, fast schmerzhafte Ruhe aus – ich werde langsam und langsamer und still und stiller und leise und manchmal entspringt alldem ein sanftes Wahrnehmen unseres Seins – ganz ohne Anstrengung. Wir sind. Einfach so.

Alles wie immer, nichts mehr wie es war. (Ursula Leutgöb)

© Michaela Schmitz 2025-08-02

Leben in unterschiedlichen Welten

Ich habe einmal gelesen, dass man, wenn man in einem Trauerprozess ist, in zwei Welten lebt. Das kann ich bestätigen bzw. sogar noch ausweiten auf ‚viele, unterschiedliche Welten‘. Da gibt’s zu allererst die Welt, wo ich mit SEBI gemeinsam trauere, Erinnerungen teile, ihm Neues erzähle, ihm Fragen stelle und versuche, mit ihm in Kontakt zu sein und ihn auf meine Reise mitnehme.

Dann gibt es die gemeinsame Welt mit mir und SEBIs beiden Brüdern, Emil und Daniel. Wir trauern gemeinsam, aber unterschiedlich und es gibt immer wieder Schnittpunkte, wo sich unser gemeinsamer Trauerprozess trifft. Dann ist da die Welt der ‚Bonusfamlilie‘, die mit mir und mit uns ‚trauert‘ und mitfühlt. Dann gibt es die Welt, in der ich eine wunderbare Beziehung lebe, und eine Welt, wo ich Erfüllung in meiner Arbeit finde. Dann gibt’s eine Welt, in der ich nur mehr Chaos vorfinde und den Eindruck habe, nichts mehr auf die Reihe zu bringen. Und dann wiederum gibt’s die Welt, wo ich Listen schreibe, Termine plane und alles einordne und ablege. Und dann gibt es da noch so eine Zwischenwelt, wo ich dann ganz konzentriert bin auf ein Thema, einen Gedanken, ein Projekt – eine Zwischenwelt, wo die anderen Welten grad nicht erinnerbar sind. Und wenn ich aus der Zwischenwelt auftauche, dann finde ich mich wieder in einer der anderen Welten. Und all das trage ich in mir. Vieles von dem ist im Außen nicht sichtbar. Es läuft aber ständig ab. Und es kostet Energie. Ich bin oft unglaublich müde. Und ich kann auch nicht so viele Menschen treffen, wie ich gerne würde.

Dein Tod ist nicht bei Dir geblieben. Er hat beschlossen, mich zu bewohnen, er braucht eine Bleibe nach getaner Arbeit, einen Ort, an dem er ausruhen kann. Ich fühle ihn umhergehen in meinem Körper, mit geschlossenen Augen und Füßen aus Lehm. Müde sitzt er in meinen Schultern, mal fällt er wie krank in meine Beine, und wenn ich die Hände zum Gruß erhebe, liegen schwer seine Hände darin. Nun bin ich zwei: der Mensch, der ich war, und der Tod, der in mir wandert und ruht. Ich gewöhne mir an, mich anders zu bewegen, mit doppelter Kraft, wie ein Mensch unter Wasser, ich lerne, dass den einfachsten Dingen ein Widerstand innewohnt. Ich erkenne die anderen, die bewohnt sind wie ich, an der Schwere in ihren Gliedern, die Fremden von gestern, die erst durch den Tod mir Schwestern und Brüder wurden. Und langsam wächst dies staunende Begreifen, dass der Tod nie nur den Sterbenden sucht. Er sucht in uns die leeren Räume, den Andachtsort für sein Geheimnis. Der Tod, der Dir die Augen schloss, hat mir im Inneren zwei Augen geöffnet, die lernen, unter der schweren Last die Würde des Tragens zu sehen und unter dem nagenden Ohnedichsein die Anmut tiefer Gemeinschaft. Dein Tod ist nicht bei Dir geblieben. Er hat beschlossen, mich zu bewohnen, und ich – ich lasse es geschehen. Giannina Weide

Genauso fühlt es sich an. Ich bin nicht mehr nur ich – ich lebe Unterschiedliches in unterschiedlichen Welten – manche würden es ‚Räume‘ nennen. Aber egal, wie man es nennt – es ist und es ist für mich real. Und so wechseln sich meine Tage ab – einmal bin ich für ‚alle‘ da, einmal verziehe ich mich in meine vier Wände und tauche unter. Tauche ein in eine neue Welt, die ich nicht gerufen habe, die mich gefunden hat, und SEBI hat sie mir zugemutet. Da steckt MUT drinnen!

Ich werde aussehen, als sei ich tot, doch es wird nicht wahr sein. Zitat aus Der kleine Prinz

© Michaela Schmitz 2025-08-05

Die fast vergessene Welt

Fast hätte ich sie vergessen – diese Welt – nicht bewusst, aber sehr bewusst unbewusst. Ich bewege mich oft in dieser Welt, aber eher nur ‚flüchtig‘, nicht nach außen getragen und schon gar nicht weitererzählt. Diese Welt – wenn ich erwache und alles ‚heil‘ ist, alles ’so wie immer (in dem Fall – früher)‘ – und dieses ’so wie immer‘ VOR dem 14.09. und 28.09.2024 datiert ist. Auch wenn diese gemeinsame Welt VOR September 2024 nicht einfach war – sie war mit SEBI in seinem physischen Körper. ER war da, war bei uns, wir konnten unser Leben mit seinem Leben koordinieren. Er war präsent und da.

Diese Welt, wo wir gemeinsam sind, planen, uns treffen, unseren Alltag meistern, beisammen sind. Diese Welt fühlt sich im ersten Schritt ganz natürlich an, wohltuend, heimelig, wie zu Hause. Und so sehr vertraut. Auch vertraut mit all den Schwierigkeiten und Alltagshürden. Mit manchen Einschränkungen und Sorgen. Und im zweiten Schritt kommt erst die nüchterne Erkenntnis – es war. Diese Welt ist in dieser Form Vergangenheit, für immer. Nie mehr – gemeinsam essen, gemeinsam ins Kino gehen, gemeinsam einkaufen, gemeinsam feiern, gemeinsame Raclette-Runden, gemeinsam reden, sich gemeinsam Sorgen machen, gemeinsam einen Plan gegen die Sorgen machen, … gemeinsam … was auch immer. Nie mehr. Endgültig aus. Kein zurück. Kein ’schau ma mal‘.

Diese ‚fast vergessene Welt‘ VOR September 2024 – sie taucht immer wieder auf. Nicht bewusst von mir hervorgerufen. Wahrscheinlich immer noch in meinem Gehirn verankert als angenehme Erinnerung. 27 Jahre gemeinsame Zeit – da wird so einiges abgespeichert, das dann immer wieder auftaucht – in passenden und auch unpassenden Momenten des Lebens ‚danach‘.

Dieser STOPP des physischen Lebens und dieser Verlust von Bildern in der Zukunft. Keine Vorausschau mehr, keine Vision. Von wo kommen wir, wer sind wir, was machen wir hier und wo gehen wir hin. Die zentralen Fragen für mich. Wenn ich in die Welt von uns und unserem gemeinsamen Erleben VOR September 2024 eintauche und dann in einem Schwall vom Leben wieder in meine ’neue‘ Welt (= ohne SEBI in seiner physischen Form) gespült werde, dann frage ich nach dem Sinn – und erhalte keine Antwort. Ist die Antwort ‚weil es keinen Sinn gibt, der mir zugänglich wäre‘?

„Wenn du bei Nacht den Himmel anschaust, wird es dir sein, als lachten alle Sterne, weil ich auf einem von ihnen wohne.“ Saint-Exupérys „Der kleine Prinz
© Michaela Schmitz 2025-08-11

Das Fest zum 30. Geburtstag von Emil

Mein ältester Sohn Emil hat am 08.08.2025 seinen 30. Geburtstag gefeiert. Und am 09.08.2025 ein Fest dazu in der Villa Berging in Neulengbach organisiert. Ich fand das Fest unter den derzeitigen Voraussetzungen eigentlich wirklich gut – aber es gab so den einen oder anderen ‚Zwischenfall‘ – wer kennt das Lied ‚und es eskaliert‘ von RIAN? Das beschreibt es ganz gut! Aber – Oma hat es diesmal geschafft, dabei zu sein (bei SEBIs Feuerbestattung ist sie im Zug kollabiert, bei SEBIs Abschiedsfest war ihr Lebenspartner Hans grad frisch aus dem Spital zu Hause) und sogar ihre Schwester Ottilie war mit.

Und auch Charly (unser Leihopa) und seine Frau Angela haben es zum 30er von Emil geschafft, obwohl es Charly wirklich gar nicht gut geht! Es waren auch einige von Emils Arbeitskollegen da – mich hat es gefreut, dass sie gemeinsam mit uns diesen Tag feiern. Und der Platz bei der Villa Bergung – tja, der ist sowieso einfach wunderbar. Mit dem Wetter hatten wir auch wieder Glück – Sonne und 36 Grad! Ich hatte für Emil ein Banner gemacht – mit ganz vielen Fotos von ihm seit seiner Geburt – es war ziemlich herausfordernd für mich, alle herauszusuchen – weil ja immer auch SEBI dabei war. Und was hat Emil gesagt, wie er den Banner gesehen hat? (wir haben ihn an seinem Balkon montiert).

Das erinnert mich alles so an SEBI. Und er hat recht – alles erinnert an SEBI. Er war immer da. 27 Jahre lang. Und Emil hatte sich damals so sehr auf seinen kleineren Bruder gefreut. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, als ich 1994 schwanger war und an meinem 30. Geburtstag am 25.12.1994 gedacht habe, wie das wohl so wird, wenn mein Sohn (damals wusste ich seinen Namen noch nicht) 30 Jahre alt wird und ich dann 60 Jahre alt bin. Was wird dann sein? Und niemals hätte ich das gedacht … SEBI ist 1997 geboren und Emil war soooo glücklich, endlich einen Bruder zum Spielen zu haben.

NIE hätte ich gedacht, dass er an seinem 30. Geburtstag wieder ohne Sebastian sein wird. Niemals. Wir beide gemeinsam wieder ohne SEBI sein werden. Und wie geht es Daniel, dem jüngeren Bruder, mit all dem? Aus meiner Sicht sind beide Brüder froh, dass sie sich (noch) haben. SEBI war ja das Sandwichkind und somit auch das Bindeglied. Er ist jetzt physisch weg. Ich bin ein Einzelkind und habe mir immer Geschwister gewünscht, damit ich nicht alles alleine tragen muss.

Wie geht es Emil und Daniel jetzt? Sind sie froh, sich gegenseitig ‚zu haben‘? Ich weiß nur, dass ich mit dem ‚Einzelkindstatus‘ nicht immer ganz glücklich war – gemeinsam trägt sich das Leben leichter! Wer kennt den Film ‚About a boy oder Der Tag der toten Ente‘? Der Film ist für mich ein sehr gutes Beispiel dafür, wie es Einzelkindern geht – und wie sie versuchen, ihren Alltag zu meistern. ALLEINE heißt eben auch, es ALLEINE durchzustehen – und das ist nicht immer einfach. Wir haben ja auch noch eine Bonusfamilie. Das tut gut. Hier kann man sich auch nochmals an Menschen wenden, die die Situation kennen. SEBI war immer sehr verbindend – wie weit seine ‚Flügeln‘ reichen, werden wir sehen. Familienbande zu durchbrechen, ist schwierig, sie wirken. Und sie wirken intensiv bei intensiven Ereignissen, wie zB dem Tod.

‚Multipliziere es mit der Unendlichkeit, erweitere es um die Ewigkeit und du wirst im Ansatz erahnen können, wovon ich spreche‘ … aus dem Film ‚Rendezvous mit Joe Black‘

© Michaela Schmitz 2025-08-16

Foto Maria Hörmandinger

11 Monate und vieles mehr

Heute ist der 28.08.2025 – heute vor 11 Monaten ist mein Sohn Sebastian gestorben. Gestern, am 27.08.2025, vor einem Jahr, war ich mit ihm gemeinsam im Cinema Paradiso in St.Pölten. Er wollte sich den Film ‚The dead don’t hurt‘ anschauen. Ich war an diesem Abend ziemlich müde und war zuerst unsicher, ob ich mitfahren sollte – und dann habe ich mich doch entschieden und wir sind zu zweit mit dem Zug ins Kino gefahren. Wir saßen in der vorletzten Reihe im Kinosaal 2, freie Platzwahl und mit Tischen. Sebi saß ganz am Rand neben der Notausgangstür (die direkt zum Mandas führt), er hat ein großes Sackerl Popcorn gegessen und ein Cola getrunken. Der Film war speziell – so wie vieles an diesem Abend.

Dieser Abend hat sich eingebrannt in mein Erinnerungswissen und ich kann es immer wieder hervorholen – so, als wäre es grad eben gewesen. Gestern (27.08.) vor einem Jahr war ich also das letzte Mal mit Sebi (… hm, keine Autokorrektur auf Sieb) im Kino. Heute vor einem Jahr war ein Monat vor Sebis Tod. Gestern, 27.08.2025, habe ich den Film ‚The dead don’t hurt‘ zu Hause auf DVD angeschaut – in der Hoffnung, zu verstehen, ein ‚Zeichen‘ zu sehen – hat Sebi etwas gewusst? Hat er geahnt, dass sich seine Lungenentzündung nicht bessern wird? Wollte er ‚vorfühlen‘? War es Zufall?

Gestern und gestern vor einem Jahr. Heute und heute vor einem Jahr. Zeit ist inzwischen etwas, das ich in Apps ablese – zB in der Kalenderapp. Oder der Uhrenapp. Oder der Wetterapp. Zeit ist etwas, in der ich mich nicht wieder finde. Wo bin ich grad? Welcher Tag ist heute? Was ist morgen? Was ist zu tun? Welchen Termin habe ich übersehen? Mein Zeitgefühl ist mir ‚flöten‘ gegangen. (Einige sagen: Da geht etwas verloren, wie der Ton aus einer Flöte verschwindet. Vielleicht meinte man aber auch einen Menschen, der wegging, um mit seiner Flöte als Musikant in der Welt sein Geld zu verdienen und deswegen nicht mehr da ist.) Sebi war eben noch da. Und dann war da die Intensivstation und das Hochwasser. Und dann war Sebi nicht mehr. Und nun nähern wir uns dem Jahrestag seines Todes. Und ich? Ich habe noch mehr Fragen und noch weniger Antworten. Ich habe mein Zeitgefühl verloren und bin auf der Suche nach dem Sinn, der sich nicht finden lassen will.

Am 04.09.2025 ist übrigens Sebis 28. Geburtstag. Ich werde seinen Lieblingskuchen backen (Schoko-Mohn, den haben Daniel und ich ihm an seinem Geburtstag 2024 ins AKH gebracht) und es gibt Palatschinken gefüllt mit Schokolade (Noisette!) – wer mag ab 15:00 zu uns kommen und mit uns Sebis Geburtstag feiern? Ich kann sagen, dass 11 Monate seit dem Tod meines Sohnes vergangen sind. Ich kann sagen, dass ich in dieser Zeit weiter gelebt habe und dass ich arbeite und meine Alltagssachen erledige. Das Leben geht weiter und etwas von mir nimmt daran teil. Und all das von mir, das nicht daran teilnimmt, sortiert, stellt Fragen, ist unendlich müde, sitzt herum und tut nichts, liest Bücher, sucht nach dem Sinn in all dem, verzweifelt an sich selbst, ist erstaunt über ‚ah, du trauerst immer noch‘ oder ‚auch andere Menschen verlieren Kinder‘ – ja, das tun sie, aber das relativiert den Verlust doch nicht, oder?

‚Multipliziere es mit der Unendlichkeit, erweitere es um die Ewigkeit und du wirst im Ansatz erahnen können, wovon ich spreche‘ … aus dem Film ‚Rendezvous mit Joe Black‘

© Michaela Schmitz 2025-08-28

Foto Maria Hörmandinger

Schoko-Mohn-Kuchen

Ich gebe zu, dass ich diesen Titel gewählt habe, um die Schwere der nächsten Zeilen für mich erträglich zu machen. Vielleicht wäre ich sonst beim Titel hängen geblieben und hätte kein Wort niedergeschrieben. 01.09. und 02.09.2024 – vor einem Jahr. Ich wage mich in die Vergangenheit. 01.09.2024 hatten wir als Familie mit Bonusfamilie einen Frühstücksausflug ins Hotel Daniel geplant. Das machten wir fast jedes Jahr, auch, um diverse Geburtstage zu feiern. So auch 2024. Sebi sollte natürlich dabei sein, er hat am 04.09. Geburtstag. Allerdings ging es ihm mit seinem Husten und seiner Lunge deutlich schlechter. Und er konnte am Ausflug nicht teilnehmen. Ich wollte zuerst auch zu Hause bleiben, Daniel, mein jüngster Sohn, hat mich dann aber überredet, doch mitzukommen. Sebi hätte nicht gewollt, dass ich wegen ihm nicht fahre. Vielleicht war das schon der Anfang von ‚macht die Sachen auch ohne mich‘.

Am Montag, 02.09.2024 hatte Sebi wieder einen Kontrolltermin im AKH. Er war sich ziemlich sicher, dass sie ihn wieder stationär aufnehmen würden. Wir beschlossen trotzdem, dass er mit dem Roten Kreuz zum Termin fahren sollte und sollte er stationär aufgenommen werden, bringe ich ihm die Sachen nach. Am 02.09.2024 um 06:30 saßen Udo und ich am Balkon und frühstückten, ich hörte den Krankentransport zufahren. Ein paar Minuten später ging die Haustür auf, Sebi kam heraus, sagte: ‚Guten Morgen‘, die Haustür viel ins Schloss. Sebi setzte sich ins Auto, die Türen wurden geschlossen, das Auto fuhr davon. Es war das letzte Mal, dass Sebi ‚unser‘ Haus verließ. Das letzte Mal, dass er die Türen öffnete und sie ins Schloss fielen. Das letzte Mal ‚Guten Morgen‘ hier bei uns. Ich höre noch seine Stimme, höre, wie er zum Auto geht, wie er seinen Rucksack abnimmt und ins Auto fallen lässt, höre, wie er sich niedersetzt und den Gurt anlegt.

Er wurde im AKH stationär aufgenommen und ich brachte ihm seine Sachen nach. Wir scherzten noch am Telefon, dass er endlich eine Liste schreiben sollte, damit ich wüsste, was er bräuchte und nicht immer nachfragen musste. Wir wussten nicht, dass wir nie mehr wieder eine Liste brauchen würden. Und so fuhr ich wieder bepackt am 02.09.2024 ins AKH zu Sebi. Am 03.09.2024 habe ich seinen Lieblingskuchen – Schoko-Mohn-Kuchen – gebacken, weil er am 04.09.2024 27 Jahre alt wurde. Daniel und ich sind ihn im AKH besuchen gefahren. Sein letzter Geburtstag. Das letzte Mal gemeinsam Schoko-Mohn-Kuchen essen. Und all das wirkt wie gestern. Es kann kein Jahr vergangen sein.

Wir haben doch eben noch gemeinsam Schoko-Mohn-Kuchen gegessen … der September ist ein spezieller Monat für mich, für uns. Jede Sekunde wirkt wie eine Ewigkeit, bläst sich auf zur Unendlichkeit, reiht sich nicht in das Zeitgefühl ein. Du warst doch eben noch bei uns. Wir haben doch eben noch telefoniert, geschrieben, gelacht. Ich lese sehr viel zum Thema Trauer, es ist überall gleich – das Zeitgefühl von Trauernden löst sich auf, verschiebt sich. Ein Teil von mir weiß, dass ein Jahr vergangen ist. Aber es ist ein ‚wissen‘ und kein ‚fühlen‘. Ich bin zu einer Wandernden geworden. Ich wandere zwischen den Welten – zwischen Tod, Trauer, Alltag, Arbeit, Freunden, Terminen – ich wandere, nichts ist mehr flüchtig, alles wirkt und bewirkt, manchmal fast zu intensiv – Gerüche, Geräusche, Gespräche, Erinnerungen, Worte – leicht ausgesprochen, schwer wiegend. Ich befinde mich auf der Reise in ein unbekanntes Land.

© Michaela Schmitz 2025-09-02

Foto Maria Hörmandinger

Texte aus Facebook 01/2026 bis

Di, 27.01.2026

Meine Lieben, ich versuche wieder einmal das Unbeschreibbare niederzuschreiben. Der Tod von Sebi hat mein/unser Leben auf den Kopf gestellt und mein Tag besteht aus mehr Fragen als Antworten. Und ja, bevor die Frage bei euch auftaucht, die Trauer ist immer noch da – er ist mein Sohn und wird es immer bleiben. Und ich werde ihn bis an mein Lebensende lieben und vermissen. Nicht zu trauern, würde für mich bedeuten, nicht mehr an Sebi zu denken – aber all die Erinnerungen sind so wundervoll! Keine einzige Sekunde möchte ich missen – und wenn es noch so schmerzhaft. Ehrlich gesagt verdrängen wir den Trauerprozess gewaltig bzw nutzen die Chancen darin wenig bis gar nicht. Das ändere ich nun. Meine Trauer gehört zu meinem gesamten Leben - privat wie beruflich - die Schätze dieses Umbruchs werden von mir geborgen. Trauer ist viel mehr, als wir in unseren Köpfen damit verbinden.

Vor 40 Jahren ist meine Mutter gestorben, ich war 20 Jahre, mein Leben hat sich damals dramatisch verändert. Im Rückblick blieb damals auch kein Stein am anderen. Seit der Erkrankung meiner Mutter saß der Tod bei uns am Tisch. Nach ihrem Tod war er, der Tod, so gnädig, mich aus der Distanz zu beobachten - vielleicht saß er hinter dem Ofen, vielleicht lag er unter meinem Bett. Weg war er nie. Mit Sebis Tod sitzt er nun wieder hier, manchmal streift er durch meinen Körper, um sich zu vergewissern, ob ich dran bleibe am Leben. Der Schmerz und die Sorge, dass Sebi sterben könnte, waren gewaltig. Und trotzdem hatten wir immer Zuversicht. Nun ist Sebi tot, der Abgrund ist dunkel unter meinen Beinen und trotzdem stehe ich. Wenn ich mich durch Schmerz, Trauer, Tränen, Verzweiflung durchkämpfe (das kann alles in kurze Zeit aufeinander folgen oder auch alles gleichzeitig da sein), dann ist so viel mehr da, so viel Wärme, Geborgenheit, Liebe, Zuversicht, Gelassenheit, Ruhe und Langsamkeit.

30.01.2026

Wie oft lese ich: ach hätten wir noch eine gemeinsame Stunde, könnte ich noch einmal dies oder das mit dir teilen ... das ist alles berechtigt, nachvollziehbar, allzu verständlich. Aber für meinen/unseren Fall mit Sebi: was würde das wirklich bedeuten? Eine Stunde in welchem Kontext? Eine mögliche Variante: Sebi liegt im Tiefschlaf, wir wissen, seine Lunge erholt sich nicht mehr, wir 'wecken' ihn aus dem Tiefschlaf, um uns von ihm zu verabschieden, um ihm zu sagen: he, deine Lunge ist ex, wir wollten noch Tschau sagen.

Ich überziehe hier bewusst, weil ich mir das schon x-mal vorgestellt habe - wie könnte so ein bewusster Abschied in unserer Situation ausgeschaut haben? Wie macht man so einen Abschied, wenn man jemandem aus dem 'Tiefschlaf/Koma' holt, um sich zu verabschieden? Wie ist das für den/die, der/die 'zurück' geholt wird? Diese Fragen sind tiefgreifend, elementar, nicht oberflächlich zu beantworten! Also - ich hätte noch gerne mindestens EINE Stunde mit Sebi und hier entsteht für mich ein Sog der Hoffnung - aber was würde das für ihn bedeuten? Mein Wunsch in seiner körperlichen Situation? Zurückholen ins Leben - um jeden Preis?

Das Gesetz der Freiheit! Hat sich Sebi die Freiheit genommen, im besten Moment für sich selbst zu gehen? ... so sehr ich meinen Sohn vermisse, so sehr ich ihn noch einmal umarmen möchte - ich hoffe, er hat sich die Freiheit genommen, im besten Moment FÜR SICH zu gehen!

14.02.2026

Ein kleiner Zwischenstand in meiner Trauer-Gefühls-Welt: Gestern war Daniel wieder einmal im AKH, um Thrombozyten zu spenden. Ich habe diese Gelegenheit genutzt, um Erinnerungsbücher vom Fest für Sebastian vom 31.05.2025 auf die Stationen 21J (Stammzellentransplantation) und 13i (Intensivmedizin) zu bringen.

Die Hinfahrt (mit dem Zug) war eine kleine Odyssee, weil es gestern am Nachmittag einen Oberleitungsdefekt zwischen St.Pölten und Rekawinkel gab - aber ich war dann glücklicherweise nur eine 1/2 Stunde später als geplant im AKH. Zuerst war ich gleich mal zur Transfusionsmedizin (4i) unterwegs, aber da kam Daniel mir schon - ein klein wenig gezeichnet von der Thrombozytenspende - entgegen.

Wir sind dann gleich mal auf 21J gefahren (rotes Bettenhaus - ich kenn' mich immer noch aus!) und ja ... dann anläuten, den Namen nennen, eine junge Schwester in der 'Schleuse' treffen und sagen: 'Mein Name ist Michaela Schmitz, ich bringe Erinnerungsbücher vom Fest für Sebastian Schmitz.' Kurzes Nachdenken, dann sagt die Schwester: 'Wo ist er gelegen? Rechts oder Links?' (hier ist der Unterschied ob isoliert oder nicht) Und während ich noch erklären möchte, dass SEBI sowohl rechts als auch links lag - strahlt sie mich mit lächelnden Augen an und sagt: 'Ja, der Sebastian Schmitz, ich erinnere mich! Danke und alles Gute an die Familie' - dieses Strahlen und Lächeln! Und aus war es mit mir ... diese Liebe, dieser Schmerz, diese Trauer zu meinem verstorbenen Sohn.

Daniel und ich sind dann zum Lift, um nach 13i zu fahren. Dort war es schon schwierig für mich, die Orientierung zu halten, mein Hirn zum Denken anzuregen - anläuten, Namen sagen, reingehen - und wieder einer Schwester das Packerl mit den Erinnerungsbüchern übergeben. Und beim Rausgehen die Menschen im Wartebereich zu sehen und zu wissen, wie es sich anfühlt, hier zu sitzen - in der Intensivstation ... durchatmen und wieder einmal wissen, dass man am Boden der Trauer-Realität angekommen ist.

Ich muss etwas ausholen - früher (also vor Zeitrechnung SEBI) war das AKH für mich einfach nur unübersichtlich und riesig groß. Mit der Erfahrung durch SEBI ist es ein bisschen zu Hause geworden, ein klein wenig Heimat. Und ziemlich vertraut. Das mag für viele seltsam klingen, aber es ist so - hier haben mein Sohn, seine Brüder und die ganze Familie und Bonusfamilie entscheidende Stunden verbracht. Das AKH ist zu einem vertrauten und bedeutenden Ort geworden. Der Geruch vom Kaiserschmarrn, das erste erreichbare WC :-), der Lift ... also, der Schmerz ist da, um zu bleiben, aber auch diese unendliche Liebe. Es ist schmerzhaft, für uns alle, SEBI kommt nicht wieder. Aber keine einzige Erinnerung an ihn möchte ich vergessen - egal, wie groß der Schmerz über seinen Verlust ist. Er ist und bleibt ein Teil von unserem Leben. Bis wir uns wiedersehen.

Und dann waren wir noch unsere Oma im KH Hietzing besuchen und haben einen unserer Barbabos dort gelassen - aber das ist eine andere Geschichte.

21.02.2026

Meine Lieben, wieder ein kleiner Bericht von dieser Woche - bevor die Frauenpower-Veranstaltungen (1. Termin - Film 'Das Zimmer der Wunder' - 26.02.) starten und ich wieder ein bisschen mehr im Außen 'gefordert' bin.

Diese Woche habe ich mich am Donnerstag (VOR dem Schnee) mit Eva Schoerkhuber im Cafe Westend getroffen. Eva wird am 19.03. zum Frauenreigen 2 'Frauen und ihr Umgang mit Verlust. Ist der Tod weiblich?' aus ihrem Buch 'Die wunderbare Insel' lesen. Ich habe dieses Buch von Gerlinde Blemenschitz geschenkt bekommen und es hat mich sehr inspiriert bzw. fand ich darin auf einige meiner offenen Gedankenwege zum Thema Tod und Trauer von Eva weitergeführte Antworten - das war besonders tröstlich für mich. Ich fange an, einen Gedankenfaden zu spinnen und belasse ein loses Ende und jemand anderer nimmt das lose Ende auf und spinnt den Gedanken weiter - ein sehr schönes Bild, ein wundervolles Ereignis.

Eva und ich haben über alles möglich geplaudert, auch über Sebi und Barbabos und Transplantationen. Ich freu mich sehr auf sie und ich freu mich ganz besonders, dass sie nach Neulengbach kommt ❤ und dann ist mir meine Collage wieder eingefallen - da habe ich ein Bild von Timothée Chalamet aufgeklebt aus dem Film 'Dune'. Sebi war ein Dune-Fan und niemand, einfach NIEMAND kann den Namen 'Timothée Chalamet' so ausdrucksvoll aussprechen wie Sebi. Ich habe bei diesem Namen immer den Klang von Sebis Stimme im Ohr. Und ich liebe es, seine Stimme zu hören - es ist wohltuend, meinen Sohn sprechen zu hören und natürlich habe ich auch sein 'Hallo Mama' im Ohr und Charly ein 'Hallo Charly' und Oma ein 'Hallo Oma' und wir alle vermissen es und erinnern uns gleichzeitig so gerne daran.

15.08.2026 • aktualisiert am 17.08.2026