Warum Barrierefreiheit und Inklusion...
... uns alle etwas angeht
Wenn über Barrierefreiheit und Inklusion gesprochen wird, denken viele an „Sonderthemen“, die nur Menschen mit Behinderung oder ihre Familien betreffen. Doch das ist ein Irrtum. Inklusion ist kein Nischenthema – sie betrifft uns alle, weil jeder Mensch in jeder Lebensphase auf Unterstützung angewiesen sein kann.
Ich schreibe das nicht nur als Mutter und pflegende Angehörige, sondern auch aus der Perspektive meiner Tochter Marlene. Sie ist Autistin, nonverbal, und braucht in vielen Bereichen Unterstützung. Gleichzeitig macht sie uns täglich vor, wie stark, lebendig und voller eigener Ideen ein Mensch ist, wenn er den Raum bekommt, sich auf seine Art auszudrücken.
Marlene kommuniziert ohne Worte, mit Gesten, Blicken, mit klaren Signalen. Für viele Außenstehende ist es schwer, das sofort zu verstehen. Aber wer sich die Zeit nimmt, erkennt: Sie trifft Entscheidungen, sie weiß, was sie will, sie kann sich mitteilen. Inklusion heißt hier nicht, dass sie „wie alle anderen“ sein muss, sondern dass wir als Gesellschaft Strukturen schaffen, die es ihr ermöglichen, ihre Stimme hörbar zu machen. Ohne unser Zutun, ohne diese Haltung, passiert Inklusion nicht.
Und das betrifft nicht nur Menschen wie meine Tochter. Wir alle sind nur einen Herzschlag davon entfernt, in einer ähnlichen Situation zu sein: ein Schlaganfall, ein Unfall, eine Krebsdiagnose – und plötzlich ist man selbst auf Barrierefreiheit, Teilhabe und solidarische Strukturen angewiesen. Das Leben kann sich innerhalb weniger Sekunden wenden.
Barrierefreiheit ist dabei viel mehr als Rampen oder Aufzüge. Sie bedeutet Zugänge im umfassenden Sinn: Kommunikation, die verständlich ist. Bildungswege, die unterschiedliche Stärken fördern. Arbeitsplätze, die Vielfalt anerkennen. Freizeitangebote, die alle willkommen heißen.
Meine Tochter zeigt uns täglich: Inklusion ist nicht nur ein Recht, sie ist eine Chance. Wenn sie mit ihrer Betreuerin den Alltag strukturiert, wenn sie in der Tagesstätte mitarbeitet, wenn sie in ihrer Wohnung Entscheidungen trifft – dann lebt sie mitten unter uns, mit uns. Das ist kein „Sonderweg“, sondern gelebte Teilhabe.
Und genau hier liegt die Wahrheit: Inklusion ist nicht die Aufgabe „der Betroffenen“ oder „der Familien“. Sie ist ein gesamtgesellschaftliches Projekt. Eine Stadt, die barrierefrei ist, erleichtert Eltern mit Kinderwägen den Alltag ebenso wie älteren Menschen oder Menschen nach einer Operation. Eine Schule, die Inklusion lebt, macht Kinder empathischer und die Gesellschaft menschlicher.
Es geht nicht darum, dass wir für „die anderen“ etwas tun. Es geht darum, dass wir eine Gesellschaft schaffen, die trägt – in allen Lebenslagen. Denn irgendwann sind wir alle auf ein Netz angewiesen, das uns auffängt.
Marlene lebt heute mit Unterstützung in einer Wohnung, besucht eine Tagesstätte und gestaltet ihr Leben aktiv mit. Sie braucht Barrierefreiheit – aber sie gibt uns im Gegenzug etwas, das unbezahlbar ist: die Erinnerung daran, dass Menschlichkeit immer dann beginnt, wenn wir bereit sind, Unterschiede nicht als Mangel zu sehen, sondern als Teil unseres gemeinsamen Lebens.
Inklusion geht uns alle an – weil wir alle dazugehören.