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Länger als geplant — und das mit Absicht

Reparieren, teilen, weitergeben: Wie Kreislaufwirtschaft in Neulengbach ganz konkret aussieht

Ein Mixer liegt offen auf dem Tisch. Schraubenzieher, Kaffeeduft, Stimmengemurmel. Im Repair Café Neulengbach beugen sich zwei Menschen über ein Gerät, das eigentlich schon abgeschrieben war — vom Besitzer, vom Müllkalender, von der Wegwerflogik. Zwanzig Minuten später läuft es wieder.

Was so unspektakulär klingt, ist in Wirklichkeit ein kleiner Akt des Widerstands. Gegen eine Wirtschaftslogik, die Reparieren teurer macht als Neukaufen. Gegen die sogenannte „Planned Obsolescence“ — die eingebaute Vergänglichkeit von Geräten, die absichtlich so konstruiert werden, dass sie nach wenigen Jahren den Geist aufgeben. Gegen eine Gesellschaft, die den Kreislauf des Wegwerfens für Normalität hält.

In Neulengbach haben sich bemerkenswert viele Menschen entschlossen, nicht zu warten — auf die Politik, auf die Industrie, auf das große Umdenken. Sie haben einfach angefangen.

Reparieren: Wenn Wissen nicht verloren geht

Jeden ersten Mittwoch im Monat, von 17 bis 20 Uhr, treffen sich Freiwillige und Besucher:innen im Repair Café Neulengbach. Der Geist des Hauses: Hilfe zur Selbsthilfe. Manchmal ist es nur eine lockere Schraube, manchmal ein verschlissener Schalter. Und manchmal — das gehört zur Ehrlichkeit — ist ein Gerät tatsächlich nicht mehr zu retten. Aber erstaunlich oft funktioniert es: Der Toaster heizt wieder, die Lampe leuchtet, der Mixer läuft. 2019 wurde das Repair Café mit dem Energy Globe Award Niederösterreich ausgezeichnet.¹

Was dabei entsteht, ist mehr als ein repariertes Gerät: Es ist die Weitergabe von Wissen, das eine Generation lang als selbstverständlich galt — wie Dinge funktionieren, wie man Fehler findet, wie man eingreift statt aufgibt. Und nebenbei: ein Treffpunkt im Ort.

Weitergeben: Was für einen zu viel ist, fehlt dem nächsten

Wertstoffzentrum Große Tulln gibt es dafür einen eigenen Re-Use-Bereich: Wer zum Entsorgen kommt, kann Gegenstände abgeben, die noch funktionstüchtig sind. Geschirr, Haushaltsgeräte, Spielzeug — sie werden über den Sozialmarkt „soogut“ weitergegeben. Was für einen Haushalt überflüssig wurde, wird für einen anderen zur Ressource.²

Ähnlich funktionieren die zwei offenen Bücherregale in Neulengbach — eines beim Startraum in der Wienerstraße, eines an der Tullner Straße. 24 Stunden zugänglich, kostenlos, ohne Registrierung. Ein Buch hineingestellt, eines mitgenommen. Und dazu ein mobiles Regal, das durch den Ort wandert — genäht, aus ausgedienten Materialien.³

Teilen: Gemeinsam braucht es weniger

NEMO — der Neulengbacher E-Mobil-Verein — funktioniert anders als klassisches Carsharing: Mitglieder fahren füreinander. Zum Arzt, zum Einkauf, zum Zug, zu Freunden. Ein Fahrtendienst von Menschen für Menschen, der Mobilität für jene sichert, die kein eigenes Auto haben oder es nicht mehr brauchen wollen.⁴

Wer lieber selbst fährt: Das elektrische Lastenrad „Neulenkrad“ steht gratis, rund um die Uhr an der Smarten Verleihbox am Hauptplatz. Für große Einkäufe, den Wochenmarkt oder kleine Transporte. Zwei Modelle, ein Gedanke: Was geteilt wird, muss niemand alleine besitzen.⁵

NEMO - Neulengbach Mobil

Aus dem Nicht alles lässt sich reparieren — aber vieles lässt sich weitergeben. Im Banner wird eine Tasche

Im Kreativraum des Startraums Neulengbach näht Barbara Bach aus alten Stadtbannern Säcke, Taschen und Pflanzgefäße — Planenstoff und Netzplanen, die sonst im Müll gelandet wären. Auf Bestellung entstehen auch Schürzen aus alten Hemden oder Hauben aus T-Shirts.⁶

Zusammen mit Designerin Daniela Unger von bandha in Altlengbach entstehen daraus Kooperationsprojekte: Unger fertigt aus denselben Materialien — Vorhängen, Sofastoffen, Veranstaltungsbannern — Rucksäcke und Alltagsprodukte, jedes Stück ein Unikat. Zwei Frauen, zwei Orte, ein Prinzip.⁷

Foto Maria Hörmandinger

Zurück in den Kreislauf: Wenn Biomüll wieder Boden wird

Am 3er-Hof von Familie Hieret in Maria Anzbach wird Biomüll aus Neulengbach zu Kompost verarbeitet. Küchen- und Gartenabfälle verwandeln sich in nährstoffreichen Humus, der wieder auf Felder und Gärten ausgebracht wird. Was als Abfall beginnt, wird zur Grundlage für neue Lebensmittel.⁸

Ein ähnliches Prinzip verfolgt das Speiselokal Neulengbach: Gemüse, Brot, Milchprodukte und Fleisch von regionalen Betrieben, online bestellt, jeden Freitag zwischen 10 und 17:30 Uhr abgeholt. Kein Supermarkt, kein Umweg — der Weg vom Produzenten zum Konsumenten bleibt so kurz wie möglich.⁹

Foto Maria Hörmandinger

Noch eine Runde

Der Mixer läuft wieder. Sein Besitzer nimmt ihn mit nach Hause. Vielleicht hält er noch fünf Jahre, vielleicht zehn. Irgendwann landet er womöglich doch im Müll — aber später. Nach mehr Gebrauch, mehr gedrehten Runden.Länger als geplant — das ist genug.

Foto Maria Hörmandinger

Quellen & weiterführende Links

¹ Repair Café Neulengbach (Raumwagen Verein) — https://raumwagen.info/repair-cafe-neulengbach/

² Re-Use-Bereich Wertstoffzentrum Große Tulln — https://stpoeltenland.umweltverbaende.at

³ Offene Bücherschränke & mobiles Bücherregal (Raum_Wagen) — https://raumwagen.info/irgendwas-mit-buechern/

⁴ NEMO – Neulengbacher E-Mobil-Verein — https://www.elektromobil-neulengbach.at

⁵ E-Lastenrad „Neulenkrad“ (Radverteiler) — https://www.radverteiler.at/bike/1995

⁶ Kreativraum & Barbara Bach (Startraum Neulengbach) — https://www.startraum.at/kreativraum/

⁷ bandha – Upcycling-Design (Daniela Unger, Altlengbach) — https://www.bandha.at

⁸ 3er-Hof – Biobauernhof und Kompostierung, Maria Anzbach — https://www.3er-hof.at/

⁹ Speiselokal – regionaler Lebensmittelverteiler Neulengbach — https://www.speiselokal.org

24.03.2026 • aktualisiert am 04.04.2026