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Kreislaufwirtschaft verwurzeln

Was Organisationen von natürlichen Kreisläufen lernen können


Eine Einladung vorab: Vielleicht hast du Lust, diesen Artikel draußen an einem Ort in der Natur zu lesen. Auf der Terrasse, im Garten oder an deinem Lieblingsplatz im Wienerwald. Dort, wo „Kreislaufwirtschaft“ seit Milliarden von Jahren tagtäglich passiert, ganz ohne von uns Menschen gesteuert zu werden.

Alles Leben ist eingebettet in Kreisläufe, die weit älter sind als die Geschichte der Menschheit. Wasser, Kohlenstoff und Nährstoffe zirkulieren. Vieles davon passiert leise im Verborgenen, im Boden, in den Pflanzen und in den feinen Verbindungen dazwischen. Und es folgt dem wiederkehrenden Rhythmus der Jahreszeiten: Ruhen, Wachsen, Reifen, Kompostieren.

Auch wir Menschen haben uns sehr lange nahtlos in diese Kreisläufe eingefügt, in denen „Abfall“ sich wandelt und wieder zur Ressource für neues Leben wird. Das, was wir unter Müll verstehen, entstand eigentlich erst, als Stoffe nicht mehr gut in natürliche Kreisläufe zurückfinden konnten. So hat sich das zirkuläre Verständnis von Wiederverwenden und Rückführen langsam zu einer linearen Logik verschoben: wegwerfen und so tun, als wäre es damit erledigt.

Der alte Baum, unter dem du vielleicht gerade sitzt, kann dir sicher mehr zu gut erprobten Kreisläufen zeigen, als ich, die in dieser linearen Logik aufgewachsen ist. In diesem Artikel möchte ich dich ein Stück weit auf dem Weg mitnehmen, uns einem Denken und Leben in Kreisläufen wieder stärker anzunähern. Gemeinsam der Frage nachzuspüren, wie Unternehmen und andere Organisationen lernen können, wie lebendige Systeme zu arbeiten und so Kreislaufwirtschaft tief in ihrer Kultur zu verwurzeln.

Komm mit auf einen kleinen Spaziergang durch unsere Landschaft. Unterwegs schauen wir uns Beispiele aus der Natur an, die uns etwas über Kreisläufe erzählen und übersetzen sie in den Alltag von Organisationen. Zu jedem Bild aus der Natur gibt es eine Idee für ein konkretes Mini-Experiment zum Ausprobieren und eine Frage, die vielleicht noch länger nachklingt.

Foto Sabine Klimpt

Fruchtbaren Boden aufbauen

Beginnen wir mit dem Boden unter unseren Füßen. Wenn du willst, nimm dir einen Moment und schau genauer hin: Welche Farbe hat die Erde, wie riecht sie, ist sie kompakt oder krümelig? Kannst du Wurzeln entdecken, vielleicht sogar einen Regenwurm oder ein anderes kleines Lebewesen?

Der Boden, auf dem du stehst, ist über Jahrtausende durch das Zusammenspiel von Gestein, Wasser, Klima und vor allem durch unzählige Lebewesen entstanden. Pilze, Bakterien und Bodentiere verwandeln Pflanzen- und Tierreste in Humus und verfügbare Nährstoffe. Gleichzeitig bauen sie eine Struktur auf, die Wasser hält und Kohlenstoff bindet. Ein lebendiger, fruchtbarer Boden ist die Grundlage dafür, dass Pflanzen gesund und widerstandsfähig wachsen. Werden diese Prozesse gestört, verliert der Boden seine wichtigen Qualitäten. Er verdichtet, hält weniger Wasser und Nährstoffe und das System wird empfindlicher gegenüber Trockenheit und Starkregen.

In Organisationen, die auf „Bodenaufbau“ achten, stehen die Dinge im Mittelpunkt, die Zusammenarbeit tragfähig und lebendig machen. Menschen wissen, wozu sie beitragen, wo sie Unterstützung bekommen und wie sie ihren Verantwortungsbereich mitgestalten können. Sie haben die Sicherheit, Dinge früh anzusprechen, auch das Unfertige, Unklare, Unbequeme. Feedback fließt als wertvoller Nährstoff zurück und bereichert die Zusammenarbeit. So entsteht ein Umfeld, in dem Vertrauen, Lernen, geteilte Verantwortung und Verbundenheit wachsen. Menschen werden mit ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten sichtbar und können sich entfalten. Und genau daraus entsteht die kreative und regenerative Lebendigkeit, die Organisationen in Zeiten von Veränderung brauchen.

Mini-Experiment: Bedanke dich heute bei einer Person in deiner Organisation für etwas, das du in der Zusammenarbeit schätzt.

Impuls zum Innehalten: Was nährt meine Arbeit in der Organisation? Und was kann ich aktiv dazu beitragen, damit unser gemeinsamer Boden fruchtbarer wird?

Foto Walter Skokanitsch

Entscheiden an den Wurzelspitzen

Bleiben wir noch eine Weile im Boden und schauen wir uns jetzt die Wurzeln genauer an. Das Geflecht aus dicken und feinen Wurzeln ist ein essenzieller Teil des Austauschs, der die Pflanzen am Leben hält. Pflanzen richten sich fortwährend neu aus: Wo lohnt es sich zu wachsen? Wo gibt es Wasser? Wo sind Nährstoffe? Wo ist es zu trocken, zu salzig, zu eng? Vieles davon passiert an den Wurzelspitzen, dort, wo die Pflanze unmittelbar in Kontakt mit ihrer Umgebung steht.

Unterstützt werden Pflanzen von Pilzen, die mit den Wurzeln eine Symbiose eingehen. Die Pilzfäden reichen in feinste Bodenporen, erschließen Wasser und Nährstoffe und vergrößern den Radius der Wurzeln um ein Vielfaches. Im Gegenzug erhalten sie Kohlenstoff aus der Photosynthese. So entsteht ein feines Gewebe, das Verbindungen schafft. Auch zwischen mehreren Pflanzen, die denselben Pilzpartner teilen und darüber miteinander in Austausch treten.

Organisationen, die ihre Strukturen und Prinzipien auf Selbstorganisation wie zum Beispiel agile Teams oder Soziokratie aufbauen, folgen einer ähnlichen Idee. Sie organisieren sich in Kreisen, durch deren Verbindungen relevante Informationen transparent fließen. Entscheidungen werden möglichst dezentral getroffen. Die Mitarbeitenden entscheiden in ihren Zuständigkeitsbereichen gleichwertig mit und bringen das ein, was sie im direkten Kontakt mit Kolleg:innen, Kund:innen und der Umgebung wahrnehmen. So wird die Organisation von der Praxis her mitgeführt und Erfahrungen fließen zurück in Entscheidungen, wie Wasser und Nährstoffe, die an den feinen Wurzelspitzen aufgenommen und im Organismus verteilt werden. Regelmäßige Feedback-Schleifen unterstützen kontinuierliches Lernen. Eine klare gemeinsame Ausrichtung sorgt dafür, dass alle auf das gleiche Ziel hinarbeiten. Es entsteht ein lebendiges System, in das die Perspektiven von Vielen einfließen und das sich flexibel an veränderte Rahmenbedingungen anpassen kann.

Mini-Experiment: Bevor du das nächste Mal eine Entscheidung triffst, stelle dir die Frage: Wer ist davon betroffen und welche Perspektive fehlt mir noch, um eine tragfähige Entscheidung treffen zu können? Hole dir dazu kurz Feedback von zwei oder drei relevanten Personen ein.

Impuls zum Innehalten: Welche Entscheidung kann ich dorthin geben, wo die Erfahrung liegt? Und welches relevante Wissen könnte ich beisteuern, wo andere entscheiden, um die Qualität der Entscheidung zu verbessern?

Foto Walter Skokanitsch

Spannungen kompostieren

Hast du auch schon einmal darüber gestaunt, wie aus einem Haufen Küchen- und Gartenabfälle innerhalb weniger Monate wieder fruchtbare Erde entsteht? Auch hinter dieser Verwandlung steckt ein Kreislaufprozess, in dem viele Lebewesen eine tragende Rolle spielen, denen wir tendenziell mit Abscheu begegnen: Kompostwürmer, Asseln, Nacktschnecken, Tausendfüßer, Maden,… In dem großen Gewusel haben alle ihre eigene Aufgabe und Nische und tragen gemeinsam dazu bei, dass aus scheinbar nutzlosem Material Komposterde wird, die wiederum die Grundlage für das Wachstum neuer Pflanzen darstellt. Was wir Abfall nennen, ist in der Natur also meist der Beginn von Transformationsprozessen.

Organisationen, die diese Erkenntnis verinnerlichen und „Kompostierung“ als wichtigen Teil ihres Alltags begreifen, stärken den Nährboden für Entwicklung. Mit einer offenen und achtsamen Haltung transformieren sich Spannungen zu Hinweisen darauf, was verbessert werden kann. Fehler werden zu wertvollen Lernchancen. Missverständnisse verwandeln sich in Wegweiser zu gemeinsamer Klarheit. Widerstände werden zu Geschenken, die Entscheidungen verbessern. Und Konflikte, die konstruktiv gelöst werden, stärken Beziehungen.

Mini-Experiment: Wenn du dich das nächste Mal über einen Fehler ärgerst, halte kurz inne und frage dich: Welche Lernchance steckt darin?

Impuls zum Innehalten: Welche Dinge in unserer Zusammenarbeit behandeln wir wie „Abfall“ und schieben sie beiseite. Und was könnte daraus entstehen, wenn wir sie als Nährstoff für Entwicklung betrachten?

Foto Walter Skokanitsch

Kreislaufwirtschaft von innen heraus leben

Kreislaufwirtschaft ist dann wirklich angekommen, wenn sie über ein reines Erfüllen regulatorischer Vorgaben hinausgeht. Dafür braucht sie fruchtbaren Boden in einer Organisation, aus dem eine gemeinsame Haltung wachsen kann. Ein Mindset, in dem Denken und Handeln in Kreisläufen eine selbstverständliche Orientierung im Alltag sind. Die Verantwortung für Kreislaufwirtschaft liegt dann nicht nur bei einzelnen Personen oder Abteilungen, sondern in der gesamten Organisation. Entscheidungen werden so bis in die „Wurzelspitzen“ aus diesem Kreislaufwirtschafts-Mindset heraus getroffen. Und das Zusammenspiel über die Grenzen der eigenen Organisation hinaus nährt ein verbindendes „Pilzgeflecht“ aus Partnerschaften im Umfeld, das Kreislaufwirtschaft erst möglich macht. So entsteht Veränderung nicht isoliert und punktuell, sondern breit getragen und lebendig.

Schauen wir abschließend nochmals auf das, was uns der Komposthaufen gezeigt hat. Er lädt uns dazu ein, genau dort hinzusehen, wo es unangenehm ist. Dorthin, wo Prozesse Abfall produzieren und wo wir mit unserer Organisation negative Auswirkungen auf die Umwelt verursachen. Gerade an diesen Punkten liegt oft die größte Innovationskraft. Wenn eine Organisation den Mut hat, Fehler, Spannungen und Widerstände nicht zu ignorieren, sondern konstruktiv zu transformieren, entsteht Kreativität: andere Perspektiven, neue Designs, spannende Ideen für Kreisläufe. Manchmal ist es gerade auch das Setzen von Grenzen - „Wie könnte das ganz ohne Abfall gehen?“ - das die überraschendsten Lösungen hervorbringt.

Vielleicht nimmst du dir jetzt einen Moment, um dich in die ruhige Energie des Winters hineinzuversetzen und innezuhalten und lässt unseren kleinen Spaziergang durch den Wienerwald in dir nachwirken, bevor dich die Frühlingsenergie und sprudelnde Ideen wieder mitreißen. In der Natur hat alles seine Zeit: Ruhen, Wachsen, Reifen, Kompostieren. Und die Qualitäten der verschiedenen Jahreszeiten können auch Kreislaufwirtschaftsprozesse bereichern, wenn wir sie bewusst einladen.

Sitzt du noch unter dem alten Baum? Welche seiner Kreislauf-Erfahrungen möchtest du in deine Organisation mitnehmen?

Foto eap.at I Daniel Taladrid
Soilful gestaltet biodiversitätsfreundliche Firmengelände und essbare Gärten für Mitarbeiter:innen und nutzt Gärten bewusst als Erfahrungsräume für Personalentwicklung, Organisationsentwicklung und Beratung.

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29.03.2026 • aktualisiert am 04.04.2026